»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend — »ja — schon acht Glasen?«[E] — die kalte Nachtluft strich über ihn hin — um ihn rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.
»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war — »wenn Ihr nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit, möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«
René faßte sich an die Stirn — er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine wirkliche Lage wieder vollständig begriff.
Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte endlich halb lachend halb erstaunt:
»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder — schläfst hier mitten zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«
»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren ausstreckend — sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück, und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:
»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne dessen Willen keins zur Erde fällt — ihm danke für Deine bisherige Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher hinzu — »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«
»Mein Bett mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René, dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte, »das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher gehn — und wie ists mit den Provisionen — soll ich die Cocosnuß und Bananen? —«
»Wir finden genug auf unserem Weg« — unterbrach ihn aber das Mädchen — »iß und trink wenn Du jetzt Hunger hast, und sorge nicht weiter.«
»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen findet.«