Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf, aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig abgeschnitten und zugestutzt — ferner trug er ein weißes baumwollenes Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima keineswegs zusagenden — schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an — der Mann konnte sich an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte, trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.
Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort Mitonare kam sehr häufig dabei vor, Sadie oder Pu-de-ni-a wie sie der kleine Missionair in seinem wunderlichen Kauderwelsch statt Prudentia nannte, wußte diesem allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen — wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf tahitisch auslief.
»Gu — day bodder — gu day a haere mai — gu fend here — ehoa ino — very gu fend —« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde, durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein müsse.
Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.
»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen — »was aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«
»Auch daran hab’ ich gedacht« lächelte das Mädchen — »kümmere Dich nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. — Und nun in’s Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt — denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen — bist Du sicher — und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.
Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René — mi mitonare — mi mitonare schon selber vorgestellt — ging ihnen jetzt geschäftig voran in’s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.
René sah Sadie an und dann die Speisen — er schämte sich sie zu bitten mit ihm niederzusitzen, und doch hätt’ er es gar so gern gethan. Das schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die offene Thür verschwunden.
Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße — der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen — dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston — das er übrigens hartnäckig bo-son aussprach — erwähnen hörte.
Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen Franzosen ausgab.