Der Tag verging ihm langsam — Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag — kein Lächeln stahl sich über ihre Züge — selten oder nie begegnete ihr Blick dem seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen dahin.

Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem Mitonare.

»Pu-de-ni-a?« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften englisch — »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie haben will — Pu-de-ni-a ataetai — wie kleine Eidechse, hier im Laub und da im Laub — kann sie nicht fassen — ist weg unter den Augen.«

Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag, sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.

Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste Wesen Taaroa und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen der eingebornen Mädchen fand. Mitonare O-no-so-no, Gott weiß wie der Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle in der Hölle — konnten aber nichts dafür — waren aus Versehen hinunter gekommen. — Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück, und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter ausbrach.

Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine Lebensgeschichte ohne Illustrationen zu geben.

Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft — weniger des Predigens, als des Frackes wegen — und der viele Aerger mit den Mädchen — soviel junges leichtsinniges Volk — — denken immer können in den Himmel kommen wenn sie lustig sind — bah — wissens nicht besser — Da in dem Buch steht Alles d’rin — sehr gutes Buch — ein Bischen dick — aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d’rin. Jetzt kam aber bald eine böse Zeit — weiße Mitonares — vier, fünf, sechs kamen hier herüber — sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine Kanakas iti—iti gut unterrichtet hat — viele schwere Worte auswendig lernen und viel Aerger mit iti—iti. — »Pu-de-ni-a gutes Kind« setzte er dann hinzu — »aber ein Bischen wild — ein Bischen sehr wild für waihini — Mitonare O—no—so—no Tochter — aber nicht Tochter — nur so Tochter —« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß Pu-de-ni-a O—no—so—no’s Pflegetochter sei.

Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art verstümmelte.

René konnte es zuletzt nicht länger aushalten — die Sehnsucht die ihn auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. — Aber Sadie war nirgends, weder zu hören noch zu sehen.

Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich, als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe, deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen bedeckten Hügel emporzusteigen.