»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und streckte ihr seine Hand entgegen.
»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise mit dem Kopf — »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch entgegenhielt — »nimm das hier und lies darin, während wir in der Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen — es ist ein gutes Buch und wird Dich trösten.«
Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand drückte und sagte —
»Ich danke Dir, Sadie — Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu nennen — das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen — aber Du bleibst doch nicht lange?«
»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte das Mädchen ernst und fast traurig — »aber lebe wohl und fürchte Nichts für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend mehr zu sehen sei — es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. — Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen denken — ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« — setzte sie leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so engelsanften Züge.
Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. — Noch im Lachen über den Fremden hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher — alle in der Tahitischen Sprache durch die Missionaire übersetzt, — und Sadie einige Worte sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.
René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen, von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.
René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff zurück — und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen Versuch zu machen ihn wiederzubekommen — würde er den Händen der Feinde auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen? Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. — Aber Sadie? — würde sie ihn begleiten? — Er erschrak ordentlich vor dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen, wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe und halte.
»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin — »Wahnsinn, jetzt an Liebe zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt hinzulegen. Sei vernünftig René — hier an die Inseln geworfen hat das erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt — das ist ein Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«
Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.