Der Ausdruck in Sadie’s Zügen ließ sich nicht verkennen — irgend etwas mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt einem.
»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das Mädchen.
Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich leise:
»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich fürchte — und ich weiß nicht weßhalb — Er hat noch Niemandem Böses, und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich weiß nicht, aber wenn ich mir seinen Gott als einstigen Richter denke, so überläuft mich’s mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte Wort des finstern Mannes.«
»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte René — »aber wo wohnt er? — was thut und treibt er?«
»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine Landsleute auf den Inseln haben können — sein Name ist Rowe und obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen — selbst die Kinder fürchten den Mann.«
»Und was kann er uns schaden, Du holdes Lieb,« sagte René — »Dein Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann Dein Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«
»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.
»Dann« — René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie; es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung gewiß nicht versagen.«
»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und schüchtern — »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«