Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen.
Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen.
Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf Schwierigkeiten stoßen könne.
Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war, sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben, wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt verweigert.
So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen.
»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen — bei der Verbindung mit jedem Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt vielleicht entgegengeht — daß sie nicht auf die Länge der Zeit im Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch Vermuthung — es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz jetzt gewiß zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen werden dürfte.«
»Aber fürchtet Ihr nicht die Sünde — Bruder Osborne?« rief da der Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten — »wollt’ Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten, Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde gezwungen sein, so leid es mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen — wenn Ihr selber dann Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja und ich möchte fast sagen auch mit den Mitteln, die Euch von der Tafel der Missionsgesellschaft anvertraut waren in ihrem Sinne, nicht in Eurem eigenen damit zu handeln?«
Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung auch wohl recht schwer und tief kränken mußte.
»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen zu machen — wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und sagen: »Herr richte über mich!« — ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch in diesem Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue werde ich auch verantworten — Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch freilich selber überlassen müssen.«
Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab — am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. — Bruder Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.