Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten, und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend und wieder küssend rief er:
»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es später noch einmal so kommen könne — nein, wenn Gott Dir eine so gewaltige und innige Liebe für ihn in’s Herz gelegt hat, dann nimm ihn, nimm ihn — der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken. Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres glückliches Angesicht.
»Vater — lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter Lust. — Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit dem »verzweifelten Wi—wi« — wie er ihn nannte, in’s Zimmer geschleppt kam.
René lag mit an dem Herzen des alten Mannes — er wußte selber kaum wie, und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der Glücklichen.
Capitel 6.
Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.
Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick — sie hatten sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe, o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden Gedanken zurück zur Jugendzeit.
Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie’s Schicksal noch das seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen. Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets hie und da etwas für sie abfiele.