So vergingen ihm die Stunden rasch — ein paar Mal trat er in die vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in’s Freie zu gewinnen, aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände, die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene, vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.
»Und wo seid Ihr jetzt — Ihr stolzen Herrscher dieser Haine — Oro, Du kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern Kindern spracht? — Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder jetzt ihre Kniee beugen? Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle gedrängt hat? — Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest noch hier, in all Deiner Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher — besser geblieben wären.«
Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage — eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu Tausenden.
Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt noch an der Insel sei, diese Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und Sadie’ens Nähe verlassen zu haben.
Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.
»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin — »und mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den fernen Freund — ha! —«
Er fuhr in die Höh’ und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem Kopf und murmelte:
»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern jagte — das klang genau wie sein Jagdruf — der schrille Ton einer kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«
»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe aufspringend — »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber — aber es ist ja nicht möglich — wie hätte er diesen Ort auffinden können.«
Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott eine Gestalt — Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. —