Capitel 8.

Tahiti.

Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem letzten furchtbaren Tage entladen — aber auch erschöpft zu haben.

Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden Ost-Passat, hätte der Delaware jedenfalls eine lange Zeit gebraucht wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr. Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen Schooner, wie ihm der fua gleich am andern Morgen meldete, seiner harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes, liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches Geschick an diese Küste geworfen.

Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln — wenigstens nicht unter gewöhnlichen Umständen.

Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen. Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.

Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? — In ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders, bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum, und schien ihn um’s Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi—Wi ein einziges Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er ja doch einmal werden wolle, gezieme.

In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt, den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte, verbunden.

So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu glauben daß Bruder Rowe — der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute — zu der er die Hand geboten — in dem regen ja unruhigen politischen Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein großes versiegeltes Schreiben des »board of Missionaries« von England, aus seinem Traum und Glauben riß.

Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti, gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire, unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm — und wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.