Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze Insel, und wenn es Sadie’ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt seinen alten Freund und Gönner, Bodder O-no-so-no verlieren und einen Anderen — vielleicht gar — es überlief ihn ordentlich wie mit Fieberfrost — vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen sollte.

Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es möglich gewesen wäre René’s Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue Gefühl der Vaterfreude thun müssen.

René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der Wechsel seines Aufenthalts — wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht geben mochte — doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen.

Anders war es mit Sadie; — ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen, als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem heimischen Strand entgegenstrebte.

Das Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren Ort.

Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt. Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn auf immer verlassen zu sollen. Sie war so glücklich hier gewesen — war es noch, und was mehr konnte ihr die ferne Insel bieten? —

Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair, und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern, und riefen den Scheidenden ihr Joranna, Joranna nach, über das blaue Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich, verschwimmen — und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.

Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch schmerzlich geworden.

Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene lieben Pflichten seines Berufs — mit den Eingeborenen in ihrer Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen — genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem — während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie einzuwirken — Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war.

Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger Weise in die Geheimnisse unserer Dogmen einzuweihen, kamen plötzlich andere, ebenfalls weiße Männer — Abkömmlinge desselben Stammes, mit einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen.