Und hatten diese recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu bleiben und den neuen Glauben zu lehren — und welchen Eindruck mußte das auf die Kinder dieser Inseln machen.

Die Masse nahm es leicht — ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der jetzige Glauben der rechte? — Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? — und wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und verstoßen? — heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan?

Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte. Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt — zerstreut umher — von den Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt — und der neue Gott? — Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt dem zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde.

Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand, wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus das Uebel das sie bekämpfen wollten — einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den Eingang zu verweigern — unterstützte, und dem Feind von den eigenen Truppen ganze Schaaren in’s Lager jagte.

Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand: Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge, wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht mehr zu ändern — in seinem Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder des Zornes — weshalb auch Rache? weshalb Zorn? — wenn sich Mr. Osborne Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er das, aber er selber thue es nicht — Mr. Osborne müsse das mit sich selber ausmachen.

Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde, aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe, die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern.

Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr und mehr Gegner unter den Missionairen in’s Leben rufen, deren ganze Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte. Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten, die fremden Priester einer anderen Religion fern zu halten. Von den Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre eingeführten Gebräuche und Ceremonien ihrer Kirche, ja selbst die als heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit eiserner Hand wollten sie die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte.

Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen, nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu verdammen, denn mit Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.

Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti, erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen, und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen Ausbruch aller Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können, und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten.

Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte politische Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß.