Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
»Und ich glaub’s nicht — wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja, aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken, bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen müssen. Ich kenne meine Leute.«
»Wetter, jetzt wird’s Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend, nach der er den Kopf zufällig gewandt — »da kommen die Boote Ihrer Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
»So back water, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus betrachten.«
»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,« brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen hatte, zuströmte.
Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben eintraf.
Die Königin Pomare, oder Pomare Waihine saß, von ihren Frauen umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands, Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.
Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht, und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem, früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen entsage.
Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen, denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr Ehrgeiz und Stolz der eigenen Gemeinde nur, nicht dem wirklichen Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.
Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte gewußt weshalb er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken, sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und fröhlich in’s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader leben mit anderen Sekten.