Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, denselben Platz wo einst seine eigene Heimath gestanden und er vor neun Jahren Abschied von – Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den Insulanern die Aufregung nicht verrathen in der er sich befand; aber er brauchte in der That mehre Minuten, ehe er sich so weit gesammelt hatte sie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehöre und wer es bewohne.
»Dies hier? Mitonare« – sagte der Eine von ihnen.
»Was für ein Mitonare? – ein Ferani oder Kanaka?«
»Kanaka – gewiß« erwiederte der Eingeborene lachend, »Kanaka Raiteo – da sitzt er« fügte er dann mit leiserer Stimme hinzu, als er mit dem Fremden den schmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Straße zu ging, und René erkannte die Gestalt seines alten Feindes oder Freundes, wie es sein Nutzen eben nur erheischte, der, sein bewegtes Leben mit einem gottseligen vertauscht, ausruhend vor seiner Thür unter einem schattigen Orangenbusch saß und, die aufgeschlagene Bibel neben sich auf einem Tisch, die Hände über einem ansehnlichen Bauch gefaltet, mit unbeschreiblicher Behaglichkeit die Last seiner Existenz zu tragen schien. Er war in Frack, Weste und Halstuch, so unbequem als möglich gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn seine Landeskrankheit, die unter den älteren Eingeborenen ungemein häufige Elephantiasis, erlaubte ihm nicht, der ansehnlich geschwollenen Beine wegen, in Hosen zu fahren. Die Unbequemlichkeit abgerechnet hat diese wunderbare Krankheit aber weiter gar keine üblen Folgen, sondern verleiht im Gegentheil dem Träger eher noch ein würdiges achtbares Ansehn, wenigstens in den Augen seiner Landsleute, und die damit Behafteten werden alt und grau.
Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm sein gastliches Haremai, haremai entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein näher zu treten.
»Wollen wir nicht hin gehn? – Mitonare winkt« sagte der eine Insulaner, der ihn noch bis zu da, wo oben seine Hütte stand, begleitete – René zögerte auch fast unwillkürlich, aber er wandte sich wieder ab, grüßte mit der Hand nach dem würdigen Mann hinüber, und schritt rasch vorbei.
Langsam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlassen hatte, seinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Straße entlang nach Papetee. Sein Blick flog dabei unwillkürlich von einer der gemachten Verbesserungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange darauf zu haften; er schritt theilnahmlos an den Kasernen und Kapellen, an den Gouvernementsgebäuden und Befestigungen vorüber, bis er die kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards Hause führte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drücker, als sein Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen trug.
Durch den Garten kam, die Hände in den Taschen seiner weiten Nankinghosen, und ein fröhliches Lied pfeifend, ein behäbig aussehend alter Herr von unverkennbar Englischem Ausdruck.
»Verzeihen Sie mein Herr« redete ihn René in dieser Sprache an – »bewohnte nicht dieses Haus in früherer Zeit ein – Monsieur Belard?«
»In früherer Zeit allerdings« erwiederte jener – »ich habe es von ihm gekauft.«