»Ja« setzte der kleine Mann finster, und doch mit angstgepreßter Stimme hinzu – »ja – Du kannst sie jetzt fortnehmen mit Dir – Du hast vielleicht das Recht dazu, und – sie ist auch jetzt fast so alt wie ihre Mutter damals war – gerade alt genug um auch draußen die Sprache der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und sich elend zu fühlen – wie ihre Mutter. Hier hat sie freilich Nichts anderes getrieben als Tapa machen und singen und tanzen und fröhlich sein, und beten Abends wenn sie dem Grab der Mutter gute Nacht sagte; sie weiß Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burschen hier auf der Insel glücklich machen könnte – und sie dann vielleicht auch. – Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr draußen auch das Herz gebrochen haben, wie ihrer Mutter, dann schick sie mir wieder, und Ahiahi wird ihr dann das Bett machen neben – neben der Anderen.«
»Nein, nein!« rief aber René, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in die Seele schnitt – »nein, Mitonare, ich habe schwer genug gesündigt an Euch hier; – nicht mehr – nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre sie vor dem Fluch der ihrer Mutter Glück zertrümmerte – halte ihr Herz rein und gut, laß sie nie hinaus über das Rauschen ihrer Palmen, über das Donnern ihrer Brandung, und mir den Trost wenigstens zu glauben daß sie, mein Kind, hier glücklich lebt.«
Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind betrachtend, endlich ergriff er langsam des Mannes Hand und sagte leise und mit tief bewegter Stimme.
»Armer Wi Wi – armer René – Du bist recht alt geworden in den wenigen Jahren – und gewiß nicht glücklich, wie Du vielleicht geglaubt.« René schüttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr, sich abwendend fort – »Die Menschen wissen's gewöhnlich nie wenn sie's sind – wollen Andere glücklich machen und machen sie, und manchmal auch sich selber elend. Dein Volk hat unserem Lande viel Schmerz gebracht. – Aber wie willst Du's haben?« setzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu, dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Trostes beizumischen – »ich weiß nicht, ob Du das Kind mir lassen willst, oder ob ihr vielleicht der weiße Mitonare, der sie schon oft hat haben wollen, die Sachen lehren soll, die sie bei mir nicht lernen kann?«
»Nein Mitonare, nein!« rief aber René rasch und bewegt – »kein Segen wäre das hier für sie, auf der stillen Insel, und Du selber hast Dir das größte Recht auf sie erworben. In lieblicher Unschuld ist das Mädchen aufgeblüht – wahre Du sie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich bin reich; ich will Dir Geld zurücklassen, daß Du –«
»Geld?« unterbrach ihn aber der Mitonare rasch und zornig – »Geld? willst Du selber den Fluch wieder säen auf Atiu, der unser Volk schlecht gemacht hat und geizig? Geld – fort damit, fort – es ist Gift darin und Haß und Neid, und sie wachsen mit den häßlichen runden Stücken. Siehst Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? siehst Du das klare Wasser hier? – brauchen wir mehr? – Wir nicht, aber wer anders braucht davon; – die schwarzen Mitonares wollen Geld – immer nur Geld – denen gieb es wenn Du so viel hast; Ahiahi gönnt es ihnen – nicht uns hier; hast uns weh genug gethan; aber Du meinst es nicht so schlimm« setzte er ruhiger hinzu – »wußtest es nur nicht besser. Doch es ist Zeit für Dich, Sadie – die Sonne sinkt; komm Aia – laß die Beiden zusammen gehn – das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen wohl thun. Gehst Du mit ihr, René?«
René barg sein Angesicht in den Händen und stand still und sprachlos, viele Secunden lang; endlich ermannte er sich. Als er die Hände fort nahm, war sein Antlitz fast todtenbleich, und er ging langsam auf den Mitonare zu, ergriff und schüttelte seine Hand, und küßte den darüber etwas verlegenen kleinen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die sie ihm willig überließ, nahm er und drückte sie, und sein Kind dann an sich ziehend, schritt er mit ihm langsam den kleinen Hang hinauf, dem Grab der Gattin zu.
Lange schon war die Sonne im Meer gesunken und tiefe Dunkelheit deckte das Land und den Ocean, noch immer aber saß der kleine Mitonare vor seiner Hütte, Vater und Tochter zu erwarten, und fing schon an unruhig zu werden über das gar so lange Ausbleiben der Beiden. Endlich erhob er sich, und wollte sich eben aufmachen ihnen entgegen zu gehn, als er leichte Schritte im Laub hörte, und gleich darauf Sadie – allein – vor ihm stand.
»Und wo hast Du den Wi Wi?« frug der Mitonare rasch und eine dunkle Ahnung zuckte ihm durch's Herz; Sadie aber schmiegte sich an seine Brust, und während er fühlte wie die heißen Thränen ihren Augen entquollen flüsterte sie: