»Bleib Du bei den Gefangenen René« – rief ihm der Freund zu – »wir haben das Haus oben umzingelt und dürfen den Iren nicht aufgeben, wenn er drinnen steckt. Du magst zwei Mann noch bei Dir behalten. Wir werfen die Insulaner zurück und ziehen uns dann von hier nach dem nicht so fernen breiten Weg hinunter; sobald es dunkel wird können sie auch nichts machen.«
Der Officier rief seine Leute zusammen und rückte rasch zum Entsatz nach der Hütte hinauf, während René mit den beiden Seeleuten als Wache zurückblieb; aber es war ihm ein unbehagliches Gefühl, einen wieder eingefangenen Matrosen zu bewachen – sein eignes Bild stieg ihm vor der Seele auf, und er hätte Gott weiß was darum gegeben, den Mann befreien zu dürfen.
»Was hast Du verbrochen, mein Bursche?« frug er, zu ihm hinantretend, »daß Du das Weite suchen mußtest?«
»Nichts, Ew. Gnaden, auf der weiten Gotteswelt, als Schiffs müde« – stöhnte der Mann, von dem freundlichen Tone getroffen – »und ein armer Rücken wird's jetzt sein, der für die Beine bezahlen muß – oh armer Jack, armer Jack.«
René hatte sich die Patrontasche umgehangen, die man dem Gefangenen abgenommen und fing an sein Gewehr zu laden – er hatte dem Gebundenen den Rücken zugedreht, und hörte wie die Leute heimlich mit ihm flüsterten.
»Wenn sie klug sind« dachte er bei sich selber, »werden sie wissen was sie zu thun haben – ich sollte nicht an ihrer Stelle sein.«
Die regelmäßigen raschen Schritte von Europäern kamen vom Wasser herauf – es war der Bootsmann mit seinen Leuten der das Schießen gehört. Kaum hatten diese aber die kleine Gruppe erreicht, als dicht vor ihnen auch wieder ein anderer Trupp Indianer hereinbrach und wahrscheinlich geglaubt hatte, den am Haus befindlichen Franzosen den Rückzug abzuschneiden. Diese wurden aber warm von der Bootsmannschaft empfangen, und noch im Kampf sah René wie sich der Gefangene vom Boden aufrichtete.
»Lauf« dachte er bei sich selber, »wenn Du weiter nichts verbrochen hast« und nicht unmittelbarer Zeuge zu sein, trat er ein paar Schritte in das Dickicht, das jetzt geladene Gewehr in der Hand, hinein, als er sich plötzlich gefaßt und zu Boden geworfen fühlte und gleich darauf gellte ein wilder Jubelruf an sein Ohr. Rings um ihn her brachen und rauschten die Büsche – Schüsse fielen und wilde halbnackte Gestalten sprangen über und neben ihm hin. Aber nicht halten konnten sie sich gegen die Uebermacht – von dem Haus zurück stürmte jetzt Bertrand mit den Seinen, dem Kampfplatz zu, und René hörte wie die Insulaner sich ebenfalls zur Vertheidigung sammelten. Er wollte um Hülfe rufen, aber seine Stimme wurde von dem, ihn umtobenden Lärm übertäubt – er wollte sich aufrichten, aber vier kräftige Arme umschlangen ihn, und während er die Kugeln der Freunde konnte um sich her einschlagen hören, trugen ihn die Sieger weiter in das Dickicht hinein, wohin ihnen die Europäer jetzt gar nicht mehr wagen durften zu folgen. Weiter und weiter entfernte sich der Lärm der Kämpfenden, denn die Insulaner folgten den sich jetzt nach Papetee zurück ziehenden Franzosen auf dem Fuß, sie wenigstens noch so viel als möglich zu belästigen, und verhallte endlich in der Ferne. Erst dann ließen ihn die Eingeborenen wieder auf den Boden nieder, und er wurde jetzt mit ziemlich barscher Stimme bedeutet, ihnen in die Berge zu folgen.
Capitel 3.
Das Lager der Insulaner.
René befand sich in der keineswegs angenehmen Lage, mit auf den Rücken gebundenen Händen durch ein Dickicht in völliger Dunkelheit zu marschiren, wo man am hellen Tage seine Bahn kaum finden konnte. Die Guiaven wurden hier auch wirklich so dicht, daß die Insulaner selber nicht mehr darin fortkamen, wenigstens ihren Gefangenen nicht weiter bringen konnten, und deshalb beschlossen, da, wo sie sich gerade befanden zu lagern; erst am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ihr Lager in den Bergen zu erreichen. Sie schienen auch keineswegs zu befürchten hier von Feinden überrascht zu werden, denn sie rieben sich Feuer an, räumten bei dessen Schein einen kleinen Platz in dem Dickicht frei, wo sie sich ordentlich ausstrecken konnten, und während Einzelne zum Fouragiren abgeschickt waren, und etwas später mit allen möglichen Früchten und sogar einem Ferkel zurückkamen das sie, Gott weiß wie, im Dickicht überrascht hatten, wurden Steine glühend gemacht und Einer ihrer gewöhnlichen Bratofen gegraben, um den sie sich bald, rings von kleinen Qualmfeuern umgeben die Mosquitos abzuhalten, sammelten, und nun an zu lachen und zu erzählen fingen, als ob sie sich mitten im Frieden und nicht auf einem Streifzug befänden, der ihnen jeden Augenblick wieder Speer oder Musketen die Hand drücken konnte.