René hatte Anfangs gehofft er werde unter der Schaar wenigstens einen oder den anderen Bekannten finden, es schienen aber lauter Eingeborene von der anderen Seite der Insel, ja vielleicht gar von Imeo, von wo schon einzelne Canoes mit Kriegern heimlicher Weise gelandet waren, den Brüdern auf Tahiti im Kampf gegen ihre Feinde beizustehn, was auf keiner Insel so wirksam ausgeführt werden konnte, wie gerade hier.
Mit lauter fremden Gesichtern um sich her, machte er dann auch gar keinen Versuch die Leute zu überzeugen, wie er gerade mit der ganzen Sache am wenigsten zu thun gehabt, suchte sich einen warmen Platz an einem der Feuer, wo er sich unter den Rauch legen konnte, und bat dann Einen der Eingeborenen ihm die Hände los zu binden da er schlafen wolle, und das auf diese Weise nicht möglich machen könne.
Der Insulaner sah ihn erst erstaunt an; er hatte wahrscheinlich gar nicht geahnt, daß der Wi Wi so fertig ihre Sprache spräche, willfahrte ihm dann aber, da keine Gefahr war daß er sich ihnen durch die Flucht entziehen könne, und nachdem René noch gesehen, wie Wachen in verschiedenen Richtungen ausgestellt wurden, einem wenn auch nicht wahrscheinlichen, doch möglichen Ueberfall zu begegnen, schob er sich einen daliegenden Stein unter den Kopf, warf sich auf die rechte Seite und war bald, unbekümmert um das Lachen und Lärmen um ihn her und die Gefahr in der er sich vielleicht selber befand, sanft und süß eingeschlafen.
Am nächsten Morgen weckte ihn in der That erst der Morgenschuß der Fregatte, der voll und dröhnend zu ihnen herüberbrach, und sein schmetterndes Echo in den Bergen fand. Eine Dämmerung existirt in diesen Breiten gar nicht, der Tag beginnt faktisch erst mit der Sonne, und Phöbus überrascht die Nacht, wenn er mit seinem leuchtenden Gespann dem Meer entsteigt.
Die Insulaner hatten sich indeß schon zum Aufbruch gerüstet, man gab ihm ein Stück kalte geröstete Brodfrucht und ein paar Bananen, und der kleine Trupp setzte sich dann, den Gefangenen in die Mitte nehmend, wieder in Bewegung, bald darauf das Thal erreichend in dem das Lager sich befand, und wo sie einen schmalen Fußpfad trafen, dem sie mit geringerer Anstrengung folgen konnten. Seine Hände hatte man ihm übrigens nicht wieder gebunden – er hätte auch den flüchtigen Söhnen dieser Wälder im Leben nicht hier entspringen können.
Nach stündigem Marsch etwa, bei dem sie sich übrigens langsam fortbewegten, erreichten sie die ersten ausgestellten Vorposten der Eingeborenen, mit Musketen und Seitengewehren bewaffnet, die sich eifrig nach den Vorgängen des verflossenen Abends, von denen sie schon gehört zu haben schienen, erkundigten. Sie hielten sich aber nicht bei ihnen auf, sondern stiegen jetzt mit schnelleren Schritten das schmale Thal hinan, hie und da von einzelnen, rings an den steilen Wänden und hinter Felsstücken wohl verdeckten Posten angerufen, die auch durch Zeichen und einen eigenthümlich ausgestoßenen Schrei ihre Ankunft weiter meldeten.
Endlich öffnete sich das Thal etwas, die Bergwand lief hier weniger steil zum Wasser nieder und bildete eine Art Kessel, in dem René einfach aufgeworfene Schanzen zu finden erwartete, sich aber hier zu seinem Erstaunen plötzlich in einer förmlichen kleinen Colonie sah, in der Hütten ringsum errichtet, die Guiaven und anderen Sträucher niedergehauen und mit ihrem Holz zwar nicht sehr hohe, aber sicherlich sehr feste und schwer zu überwindende Barrieren errichtet waren. Kanonen hatten sie hier nicht zu fürchten, für die zuerst eine vollständige Straße hätte ausgehauen werden müssen, und einem Angriff von kleinem Gewehrfeuer, gegen das sie auch noch überdies ein im Inneren aufgeworfener niederer Erddamm schützte, konnten sie hoffen mit Erfolg zu begegnen.
Was aber René vor allem Anderen überraschte war die vollkommene Ruhe die in dem kleinen Lager herrschte – man hörte weder Singen noch Schreien, sah weder tanzende noch lachende Gruppen, und nur hie und da standen einzelne kleine Trupps zusammen, sich leise mit einander unterhaltend. Das Rauschen der mächtigen Baumwipfel unterbrach kaum die feierliche Stille.
Es war Sabbath – der Sabbath der Eingeborenen wenigstens, und selber der Gefangene wäre nicht weiter beachtet worden, hätte nicht René Viele der hier Versammelten gekannt und auf sie zugehend sie begrüßt. Die aber, die ihm sonst freundlich die Hand geschüttelt und ihm das herzliche Joranna entgegengerufen, wandten sich theils ab, ihn nicht zu sehen, theils nickten sie einfach mit dem Kopf und drückten sich dann langsam aus seiner Nähe, nicht weiter mit ihm in Berührung zu kommen. Es war augenscheinlich daß sie ihn vermeiden wollten, und René fühlte das kaum, als ihm das Blut auch schon in Zorn und Unmuth in die Schläfe stieg und er sich finster, die Arme auf der Brust verschränkt, an einen mächtigen Mapebaum lehnte, das Resultat seiner Gefangennahme ruhig abzuwarten.
Er hatte noch nicht lange so gestanden, als eine kleine Glocke läutete und die Insulaner, die wie René zu seinem Erstaunen jetzt sah, gar keine Waffen zu haben schienen, alle dem entfernteren Ende des Lagers zuzogen, wo roh von Steinen gebaut eine Art Rednerstand aufgerichtet und ein schlanker danebenstehender schwacher Baum abgekappt und mit einem Bret darauf befestigt war, gewissermaßen zur Kanzel zu dienen.