»Du kennst Sadie nicht,« lächelte René – »sie ist nur Indianerin von Geburt, sonst aber fast ganz in europäischen Sitten und Gebräuchen auferzogen.«

»Desto schlimmer für sie,« brummte Adolphe kopfschüttelnd. »Ich habe auch darüber schon Manches munkeln hören. Aber was zum Teufel bleibst Du da nicht wenigstens in Papetee? – hier hast Du doch einen Wirkungskreis für irgend eine Thätigkeit; auf Atiu versauerst Du ja doch, und zehn Jahre dort, machen Dich untüchtig für irgend einen menschlichen Beruf.«

»Verhältnisse, lieber Adolphe, bestimmen den Menschen,« lächelte der Freund, wenn auch nicht mehr so ganz unbefangen. »Sadie fühlte sich hier nicht glücklich zwischen den Europäerinnen und –«

»Aber ich denke sie hat eine ganz europäische Erziehung bekommen – wie stimmt das?«

»Ich – ich selber fühlte auch daß wir dort drüben würden viel freier, ungehinderter leben können« entgegnete René ausweichend.

»Ungehinderter? das glaub der Teufel,« lachte Adolphe, »wer sollte Euch dort stören? wenn da nicht einmal zufällig ein vereinzelter Wallfischfänger anlangte – aber apropos René – weißt Du denn, daß Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und sogar in Papetee ist?«

René fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfe stieg und drehte sich rasch ab, nach einer frischen Flasche Wein zu rufen.

»Ich weiß es,« sagte er gleichgültig – »ich habe sie hier auf einem Ball kennen lernen, sie wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe –« rief er, rascher sich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerksam betrachtete – »Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was Ihr damals mit dem ehrwürdigen Manne gemacht habt, den Ihr statt meiner an Bord nahmt. Was sagte er denn, als er wieder zu sich selber kam?«

»Was er sagte?« lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut auf, »er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land gesetzt sein. Mein Glück übrigens wars, daß er behauptete Einer der Bootsleute habe ihn zu Boden geschlagen und gebunden und geknebelt, und unser alter Seehund von Harpunier wußte recht gut, daß ich nicht lange genug oben gewesen war, das möglicher Weise zu Stande zu bringen, wenn er mir's auch zutraute, während keiner der Anderen das Boot verlassen haben wollte, und auch in der That verlassen hatte. So ärgerlich der Alte übrigens auch war, daß wir Dich nicht, trotz aller gemachten Auslagen, wie des Aufenthalts und bösen Beispiels wegen, wiederbrachten, so sehr freute er sich doch jedenfalls heimlich, daß es gerade der Schwarzrock gewesen, der darunter leiden mußte, noch dazu, da er einen Matrosen verrathen, und wir Alle kamen so, wenigstens für den Augenblick, mit einem blauen Auge davon. Nichtsdestoweniger hatten sie gegründete Ursache auf mich den stärksten Verdacht einer Mitwissenschaft zu werfen, und wenn ich mir auch nicht gerade besonders viel daraus machte, wurde doch das Leben an Bord für mich dadurch nach und nach so fatal, daß ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herunter kamen, auszahlen ließ und nicht einmal mit dem Schiff zu Hause ging. Ich bin übrigens dem geistlichen Herrn eben heute Morgen hier in der Straße begegnet – und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick auf mich warf, blieb er im ersten Moment überrascht stehen, – er wußte wahrscheinlich nicht gleich wo er mich hinthun sollte; als ich aber ein, vielleicht etwas malitiöses Lächeln doch nicht verbeißen konnte, und ihm auch wahrscheinlich dabei einfiel bei welcher, für ihn so fatalen Gelegenheit wir uns zum letzten Mal gesehen, quoll ihm das Blut wie eine Springfluth in's Gesicht und er ging rasch, und ohne mich weiter eines Blicks zu würdigen, an mir vorüber, die Straße hinab.«

»Ja, er hat hier seine Mission« sagte René noch in der Erinnerung an heut Morgen, mit zusammengezogenen Brauen, »mir aber ist er bis heute ausgewichen wie dem bösen Feind, und wirklich heute Morgen zum ersten Mal hat er meine Schwelle, in meiner Anwesenheit überschritten, um Abschied von meiner Frau zu nehmen.«