Wilder und drohender hallte die Predigt von des geifernden Mannes Lippen, seine Rede war eine Rede des Zorns und der Rache; sie machte das Blut kochen in den Adern, bei Freund und Feind, und die Hand suchte unwillkürlich eine Waffe dem zornigen ingrimmigen Wort die That folgen zu lassen zu Haß und Blut.

René konnte es zuletzt nicht mehr ertragen; er sprang auf von seinem Lager und ging mit raschen Schritten und fest über die Brust geschränkten Armen auf dem kleinen Raume hin und wieder, von seinen Wächtern mistrauisch dabei mit den Augen verfolgt. Aber er dachte nicht an Flucht, und nur die Scheu den Gottesdienst dieses Volkes als Katholik zu stören, und dem Missionair noch mehr Ursache zu geben wider ihn und seine Landsleute zu eifern, hielt ihn ab, nicht mitten in die feindliche Predigt hinein zu springen und dem fanatischen Priester den Lug und Trug seiner Rede in's Gesicht zu schleudern.

Die Predigt hatte sich endlich mühsam und krampfhaft dem Schluß zugewandt; das letzte Gebet folgte, die Eingeborenen wandten sich, der Sitte der Methodisten nach, ab von dem Geistlichen, ihr Gebet zu verrichten, und ein stiller heiliger Friede schien, mit dem Verhallen der rauhen feindlichen Worte, über den Betenden zu ruhen.

Ein Schuß!

Wie durch Zauberei änderte sich das Bild – die Schaar der Frommen, auf die Knie niedergeworfen in brünstigem Gebet – keine Waffe zu sehn, die den feindlichen Charakter dieses Lagers in der Wildniß hätte verrathen können, kein Laut zu hören wie das dumpfe Murmeln der zu ihrem Gott erhobenen Stimmen. Da hinein brach der Knall des in geringer Entfernung abgefeuerten Gewehrs, die Männer schnellten im Nu empor, und nach allen Seiten auseinander stiebend enthüllte jeder Stein fast, und jeder Busch, jede wie nachlässig hingeworfene Matte, jeder Streifen zusammengereihter Pandanusblätter, der zum Bedachen irgend einer neuen Hütte verwandt werden sollte als der Sabbath die Arbeit unterbrach, einen Haufen Gewehre oder Lanzen, Speere, Patrontaschen, Säbel, Messer und Beile, und die wirbelnde Trommel rief die verschiedenen Trupps zu ihren, schon vorher bestimmten Sammelplätzen, den Feind zurück zu weisen, der es wagen sollte, sie in dieser festen Stellung anzugreifen.

René war mit staunender Bewunderung Zeuge der fabelhaften Schnelle gewesen, mit der sich die Kirche hier vor seinen Augen, und wie nach der Berührung eines Zauberstabes, in ein trotziges Kriegslager verwandelte, und der ehrwürdige Mr. Rowe allein schien regungslos bei dieser plötzlichen Metamorphose seine Stelle behauptet zu haben. Nur mit erhobenen Händen und Augen stand er da, Vergebung niederflehend von dem Herrn der Heerschaaren für das Häufchen der Gläubigen, die durch den rücksichtslosen Feind gezwungen wurden doppelte Sünde zu begehen, den Sabbath zu brechen und vielleicht noch gar Bruderblut zu vergießen, und die Frauen und Mädchen schaarten sich in ängstlicher Erwartung um ihn her, mit jeder Secunde das jetzt gekannte und gefürchtete Pfeifen der Kugeln und das Prasseln des Kleingewehrfeuers zu erwarten, das wieder Viele der ihrigen, vielleicht Väter, Brüder und Gatten niederschmettern sollte in ihr frühes, freudloses Grab.

Aber es kam nicht – Alles blieb ruhig, und wohl zehn Minuten standen die Krieger in gespannter, peinlicher Erwartung. Ein einzelner Indianer wurde zuletzt von den Wachen angezeigt, der langsam den Pfad herauf kam und mit seinem Tuche winkte. Die Posten kannten ihn, René aber konnte einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken, als er in dem Boten, denn als solcher wies er sich aus, seinen alten Freund oder Feind, wie die Sache gerade stand, von Atiu, als er Raiteo in ihm erkannte.

Raiteo hatte auch ihn jedenfalls gesehn und erkannt, denn ein eignes zweideutiges Lächeln zuckte um seine Lippen, aber er drehte weder den Kopf nach ihm um, noch kümmerte er sich im mindesten um ihn, sondern schritt gerade hindurch durch die ihm bereitwillig Platz machenden Krieger, direkt auf den Missionair zu, der sein Gebet jetzt ebenfalls beendet zu haben schien und ihn mit fragenden finsteren Blicken erwartete.

»Wer hat geschossen? – wer hat den Frieden unsers Sabbaths gestört?« – frug der Geistliche streng, als ihm der Indianer gegenüber stand, und eine derartige Anrede erst wirklich erwartet zu haben schien – »sind unsere Gesetze, die Gesetze Gottes nicht streng genug solchen Frevel zu verhüten oder, wenn geschehen, zu bestrafen? – wo kommst Du her jetzt, Bruder Raiteo und was bringst Du? – antworte wenn ich Dich frage, denn meine Zeit ist kostbar, und jede Minute wird dem Heiligsten, Höchsten dieser sündhaften Erde abgezogen und ist unwiederbringlich verloren.«

»Wer geschossen hat weiß ich nicht,« entgegnete Raiteo vollkommen ruhig, und wenig bekümmert wie es schien um die harten Worte seines Vorgesetzten – »es wird wahrscheinlich einer von den Schildwachen gewesen sein, die das Signal gaben, als sie die Franzosen den Berg herauf kommen sahen.«