»Hat Dir der Ehrwürdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?« frug Adolphe.
»Er hat noch nichts Anderes gethan fast, als gesucht einen Anhaltepunkt zu finden. Es hieß einmal, er sollte mit einem speciellen Auftrag an die Tafel der Missionaire abgeschickt werden, den hat aber wahrscheinlich Mr. Pritchard mitbekommen, den sie hier fortschicken mußten, wenn sie je hoffen wollten, sich mit den Eingeborenen wieder anders als mit den Waffen in der Hand zu verständigen. Ich wollte übrigens dieser Rowe wäre fort von hier, mir verbittert sein kaltes scheinheiliges Gesicht jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufällig über den Weg läuft, und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, daß er mir noch irgend einmal feindlich in's Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der That nicht sein, wenn er eine, sich ihm vielleicht einmal bietende Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließe. Doch fort mit dem Schleicher, wir haben wahrlich Besseres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du bleibst jetzt hier auf den Inseln, Adolphe?«
»Eine Zeitlang wenigstens, und so lange es etwas zu thun giebt,« erwiederte der Freund.
»Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier bist, wird es Dir auch schon besser gefallen« lächelte René, »vielleicht sogar machst Du mir's nach, und wir werden noch am Ende Nachbarn – Adolphe, diese Inseln sind ein wirkliches Paradies.«
Adolphe schüttelte mit dem Kopf.
»Und doch möchte ich es nicht auf die Länge der Zeit mit Dir theilen« sagte er ernster – »ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestöber da oben in jenen unwirthlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapatzen, wie sie der verweichlichte Landbewohner kaum für möglich halten würde – und in der That auch kaum für möglich hält – thut es Einem wohl, wieder einmal eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn, – und die freundlichen Gesichter der Eingeborenen, wenn erst einmal diese unglücklichen Conflikte vorüber sind, bilden keine unangenehme Zugabe solcher Rast –; aber da bleiben, wohnen, heirathen, und seine Existenz hier beschließen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin fest davon überzeugt daß ich nicht einmal den Versuch machen möchte.«
»Und was könnte das Herz mehr verlangen als es hier findet?« rief René – »was bietet Dir Gottes Welt Schöneres, wohin Dich der unstete Fuß auch trägt, als diese Küsten, wenn Du ein Wesen hier findest, das dieses Glück mit Dir theilt? was würde Dir in diesem Paradiese fehlen?«
»Der Nerv es zu genießen, es zu schätzen« rief Adolphe rasch, »Thätigkeit – Entbehrungen, Leben mit einem Wort, wie es der alte Herr da oben für uns erschaffen, und gar erstaunlich weise eingerichtet hat – ich verginge in dem Müßiggang. Nein René, nein, und tausendmal nein, wenn Du Dir selber vorlügen willst daß Du Dich glücklich darin fühlst. Ich glaube es nicht, weil ich überhaupt nicht an Unmöglichkeiten glauben mag, und Dir noch obendrein so etwas gar nicht wünschen wollte. Du mit Deinem leichten lebensfrischen Herzen, der Abgott Deiner Kreise einst in Paris, der eben nur übermüthig und übersättigt wurde durch das Glück, das überall auf ihn einstürmte. Du, dem noch bis jetzt kein Welttheil vermögend war in seinen Grenzen zu halten, Du solltest jetzt Deine Heimath in einer Bambushütte gefunden haben und mit Deinen Lebensbedürfnissen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewiesen sein? – Unsinn René! – hahaha komisch ist's aber doch, wenn ich mir das so denke, und komischer noch daß ich ernstlich dagegen anstreite. Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinüber, aber mit dem was Dir jetzt durch Herz und Seele zieht, was Dir schon, Du magst es verleugnen wie Du willst, in den Augen mit unvertilgbaren Zügen geschrieben steht, lebst Du noch ein Jahr drüben und springst nachher wieder selbst an Bord eines Wallfischfängers, wenn Du auf keine andere Weise fortkommen kannst, oder – Du bist elend und unglücklich.«
»Nein nein Adolphe, Du hast Unrecht« rief René, aber er war aufgesprungen, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Du hast Unrecht, und ich werde es Dir beweisen; habe ich Dir doch schon früher gezeigt was ich durchsetzen kann, und auch damals hieltest Du es für unmöglich.«
»Armer René« sagte Adolphe – »schon mit den Worten gestehst Du mir Alles ein, ohne es selber vielleicht zu wissen; und doch irrst Du Dich. In tollkühnem Muth, einer Gefahr trotzend, die sich Dir noch so wild und furchtbar entgegenstellt, ja; im kecken Wurfe bist Du im Stande und setzest Dein Leben ein und gewinnst. Ich glaube nicht daß Du Dich durch irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaßten Vorsatz, wär er noch so wahnsinnig, zurückschrecken ließest. Du hast mir das mehrfach bewiesen und am schlagendsten durch Deinen Ein- wie Austritt an Bord des Wallfischfängers; hier aber, wo es darauf ankommt durch zähes geduldiges Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen unpassenderen Gesellen dazu wie Dich, und zwingst Du Dich hinein, so gehst Du darüber zu Grunde – denk' an mich.«