Lefévre hatte seinen kleinen Trupp hier wieder halten lassen; er schien noch nicht ganz fest davon überzeugt zu sein, daß die andere Patrouille auch den Rückwechsel erreicht habe, und die ganze Expedition hätte in dem Fall ja scheitern können. Nach einer Viertelstunde endlich, selber ungeduldig sein Ziel zu gewinnen, brachen sie wieder auf, ohne auch nur dem mindesten Verdächtigen zu begegnen, und erreichten so den Eingang des von Jim bezeichneten schmalen Thales, das hier gewissermaßen die Abzweigung des Gebirgs in einer engen Schlucht durchbrach, und auf dieser wie jener Seite ausmündete. Oben darin, und gegen den hier durch ziehenden Passat durch einen breiten Felsvorsprung, wie ein vollkommen verwachsenes und kaum durchdringbares Orangendickicht geschützt, stand eine kleine Hütte und es hieß daß sie sich in letzterer Zeit, seit er Papetee und die Französische Sache verlassen, Utami zu seinem Aufenthalt gewählt habe, um von hier aus gewissermaßen die Operationen in beiden Thälern überwachen und leiten zu können.

Hier, als sie den Bergstrom wieder durchschritten, ließ Lefévre seine Leute auf den rollenden Felsmassen hin, die keine Spur bewahrten, einen Theil noch weiter aufwärts rücken den Eingang zum Thal vollkommen zu beherrschen und, falls ja ein einzelner Indianer oder ein Trupp hier vorüber ziehen sollte, sie irre zu leiten, und befahl ihnen dann, sich abseits vom Pfad so lange still und verborgen zu halten, bis er entweder selber wieder zurückkehre oder ihnen das Zeichen zum raschen Vordringen durch einen abgefeuerten Pistolenschuß gebe. Die größte Vorsicht, denn sie hatten es mit einem schlauen Feind zu thun, machte er ihnen dabei zur Pflicht, und er selber schlich sich dann, dem Fähndrich indessen das Commando überlassend, auf ihm vollkommen gut bekannten Pfaden, am Berge aufwärts, oben das Orangendickicht zu erreichen und von dort aus den verrathenen und umzingelten Feind zu beobachten. Seine Maßregeln konnte er dann leichter und sicherer danach nehmen.

Den steilen Hang der die Thäler von einander trennte, kletterte er so, mit dem gespannten Pistol in der Faust, einem etwa gelegten Hinterhalt nicht allein gerüstet entgegentreten zu können, sondern auch zugleich das Zeichen zum Herbeistürmen der Seinen zu geben, langsam und vorsichtig hinan; aber nicht das Mindeste ließ sich hören – der Omaomao flötete hier im Blüthenbusch so ruhig und ungestört, als ob noch nie der Fuß des Fremden seinen Frieden gestört, das Heiligthum seines stillen Waldes entweiht habe, und die schnelle raschelnde Eidechse im Laub, mit dem Summen der Grillen oder eines einzelnen schimmernden Käfers, war der einzige Laut, der sein Ohr traf, sein Auge aber immer rasch und vorsichtig der Richtung zulenkte. So hatte er endlich den ersten Abhang, der wie eine Art Terrasse an dem jetzt steil und unersteigbaren Felsen hinlief, erreicht, und ein hartbetretener, mit bröckliger Lavamasse gefüllter Pfad schlängelte sich hier entlang, der die Verbindung des Hauptthals mit dem Osten der Insel unterhielt.

Rasch folgte er diesem, von keinem hindernden Dickicht mehr belästigt, um den Rand des vielleicht noch dreihundert Schritt entfernten Orangenhains zu erreichen, als ein kaum unterdrückter Schrei seine Lippen trennte, denn dicht vor ihm, bis dahin aber von einem vorragenden Felsen, an dem sie gelehnt, gedeckt, stand die Gestalt einer Frau – stand Aumama – sein Weib und auch sie preßte erschreckt und todtenbleich beide Hände auf das, oh wohl so ängstlich pochende Herz als sie den Mann erkannte, der ihr das größte, schwerste Leid gethan.

»Aumama« flüsterte Lefévre bestürzt, und das Blut schoß ihm in vollen Strömen in Stirn und Wangen, »was, zum Henker, treibst Du hier, Mädchen, daß Du im Wald Versteckens spielst? – wo kommst Du her und was thust Du hier allein? oder ist noch Jemand bei Dir?« setzte er rasch, einen forschenden Blick dabei ringsum werfend, hinzu.

»Also Du – Du bist es« seufzte aber die Frau aus tiefster Brust, und wehmüthig dabei mit dem Kopf nickend, ohne eine seiner Fragen zu beantworten, ja ohne sie vielleicht gehört zu haben, »Du, der sich mit der Waffe in der Mörderfaust in unsere Berge schleicht, neues Unheil zu bringen dem armen, schon überdies mishandelten Lande? – Oh was haben wir Dir denn gethan?« setzte sie rascher und bewegter hinzu, »daß Du uns so unablässig verfolgst – ist es nicht genug daß Du die Ueberzeugung mit Dir nimmst ein Wesen elend gemacht zu haben auf der Welt?«

»Unsinn, Unsinn Aumama« sagte Lefévre kopfschüttelnd, »was fehlt Dir heute Mädchen, daß Du so tolles Zeug schwatzest, Du wirst Dich ohne mich so wohl befinden, wie Du es vielleicht nie mit mir gethan hast; aber sprich nicht so laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und möchte nicht gern einem Schwarm Deiner Landsleute begegnen; sind deren in der Nähe?«

»Was suchst Du hier? – was willst Du bei uns? –« frug aber jetzt das Weib, sich mit fester Hand die Locken aus der Stirn werfend und den dunklen, thränenschweren Blick forschend auf ihn geheftet – »was trieb Dich mit der gespannten Feuerwaffe in der Hand hier her, wo ich, ein schwaches unbewehrtes Weib ungehindert und furchtlos gehe? – war es das böse Gewissen das Dich hinaus jagte aus den sicheren Wällen Deiner Freunde? – ha dem entgehst Du nicht, und die Kugel, die sich tückisch und unheilvoll in dem kleinen Rohr verbirgt – schützt und rettet Dich nicht vor dem.«

»Ich habe mich verirrt, Aumama« sagte Lefévre, das Pistol dabei in Ruhe setzend und in seinen Gürtel zurückschiebend – »ich bin vom Wege abgekommen.«

»Du Dich verirrt? verirrt an einer Stelle« sagte die Frau ungläubig, ja fast zornig mit dem Kopf schüttelnd, »wo wir hundert Mal zusammen den Berg erstiegen und in das wundervolle Thal hinab, auf die weite sonnenblitzende See hinausgeschaut? – Es ist aber doch möglich daß Du den Weg vergessen« setzte sie dann mit leiserer weicher Stimme und fast wie traurig hinzu – »vergaßest Du doch alles Andere was Du damals gesprochen.«