Die Alte blieb aber hierbei nicht ununterstützt, denn von allen Seiten kamen die Mädchen herbei, schimpften und schmähten in ihrer Sprache und begannen dabei die gefährlichen Glasscherben, die ihnen schon manche böse Wunde geschnitten, vom Boden aufzusuchen. Vergebens riefen sie die Matrosen zurück und fügten sich endlich, da Bitten wie Drohungen nutzlos blieben, lachend dem Unvermeidlichen, selber der muntern, lebendigen Schaar zu helfen und beizustehn und das Uebel so viel wie möglich zu heben — all die drohenden Spitzen nämlich aufzusuchen oder zu entfernen, und kein Blatt blieb dabei ungewandt, unter dem sich noch hätte die tückische Spitze bergen können.
»Hurrah, meine Jungen! wer von Euch hat sein Prisengeld da im Laub verloren? — halbpart wenn ich's finde,« schrie in diesem Augenblick eine rauhe Stimme zwischen das Lachen und Toben der munteren Schaar hinein, und Einer der Seeleute richtete sich rasch empor, zu sehen wer der Neuangekommene sei, und ob nicht vielleicht ein alter Bekannter und Schiffskamerad hier zwischen ihnen auftauche.
»Hallo Kamerad,« brummte aber der, als er ein völlig fremdes Gesicht vor sich sah, das ihm jedoch trotzdem ganz freundlich entgegennickte, und dessen Eigenthümer sich so bequem und ohne weitere Einladung zu ihnen in's Gras warf, als ob er zu ihrem »Volke« gehörte — »where do you hail from?«[A]
Der Sprecher war der Bootsmann der »Jeanne d'Arc,« der draußen in der Bai vor ihrem Anker ritt und dessen Mannschaft heute Feiertag bekommen hatte, der großen Volksversammlung wegen. Er schien sich auch hier gewissermaßen als eine Art Obrigkeit zu betrachten zwischen den übrigen Matrosen, und überdieß rechtfertigte das ganze Aeußere des Neuangekommenen, unseres alten Bekannten Jim des Iren, allerdings eine solche Frage, denn dem alten Matrosen überkam es, ihm gegenüber, fast unwillkürlich, als ob er es mit keinem rechten Seemann zu thun habe, und gleichwohl ließ doch auch wieder das Einzelne seines Anzugs nichts erkennen, was einen solchen Verdacht rechtfertigen mochte. Die blaue Jacke wie die weißleinene Hose hatte den richtigen Schnitt, der mit Wachsleinwand überzogene Strohhut saß ihm hinten auf dem krausen Haar und ein paar breite Streifen schwarzseiden Band fielen ihm nach richtiger Art vorn über das linke Auge nieder und doch lag ein gewisses Etwas in dem ganzen Betragen des Fremden, das den alten Burschen, der sich manch langes, langes Jahr auf der See und aller Länder Schiffe herumgeschlagen, wie eine Art Instinkt überkam, er hätte hier keinen geborenen Seemann vor sich, und der Bursche segele am Ende gar unter falscher Flagge.
Der wirkliche Matrose — nicht der, der die See einmal zeitweilig zu seinem Beruf wählt, ein paar Reisen macht vielleicht, und dann wieder Jahre lang am festen Lande bleibt — hat auch etwas in seinem ganzen Wesen, das unmöglich ist sich anzueignen, wenn es eben nicht natürlich aus dem ganzen System unsers Körpers herauskommt und mit ihm eins bildet. Die Hauptsache hierbei ist der fast schlenkernde und doch auch wieder feste und elastische Gang von der steten Bewegung des Schiffes her, der er natürlich fortwährend begegnen muß, und die ihn dann auch zwingt, die Beine etwas weiter, wenn auch fast unmerklich, aus einander zu setzen, als das auf dem festen Lande nöthig wäre; die Arme hängen dabei, wie durch ihr eigenes Gewicht gezogen, grad am Körper nieder, ohne ihn aber, weder rechts noch links in drei Zoll zu berühren, und die halboffene harte Hand sieht gerade so aus, als ob sie jeden Augenblick an Segel oder Tau zufassen wolle. Der Landmann kann alles Andere nachahmen, dieses Tragen des Körpers wird ihm nie gelingen, und nur eine jahrelange Uebung ist im Stande, ihn zuzurichten, oder, wie die Matrosen sagen, ihn »ship shape« zu machen.
»Nun Sirrah!« rief der Irländer endlich lachend, nachdem er den forschenden Blick des Bootsmanns, wenn auch nicht ohne ein leichtes kaum erkennbares Erröthen, eine ganze Weile ertragen hatte, — »Ihr werdet mich nun wohl kennen wenn Ihr mich wiederseht; — wie gefall ich Euch?«
»Ganz und gar nicht, Kamerad,« sagte der aber trocken, und während er sein Primchen Kautabak im Munde aus einer Backe in die andere wechselte, »ganz und gar nicht, wenn Du die Wahrheit hören willst.«
»Hahaha,« lachte aber der Ire, ohne sich im mindesten darüber beleidigt zu fühlen, »verdamme mich wenn das nicht ehrlich von der Leber weggesprochen ist; leid thut mir's nur bei der Sache, daß ich das nämliche — nicht von Euch auch sagen kann.«
»Dann werd' ich mein Möglichstes thun, das für mich so unglückliche Vorurtheil bei Euch zu zerstören,« antwortete der Seemann ruhig.
»Donnerwetter Ihr seid grob!« rief aber der Ire, der nun einmal entschlossen schien jetzt Nichts übel zu nehmen, obgleich der ganze kräftige Bau seines Körpers wie ein ziemlich entschlossener Zug um den Mund, wohl glauben ließ daß er sonst eben eine wirkliche Beleidigung nicht so leicht einstecken würde, »aber das schadet Nichts, Kamerad, wir werden schon noch näher mit einander bekannt werden und ich bin wie der Wein — ich gewinne durchs Liegen. Und nun Ihr da, Ihr Mädchen,« wandte er sich zu diesen in ihrer eigenen Sprache, »laßt das verdammte Suchen sein und kommt her — morgen wird sichs schon finden was ihr verloren habt — beim Auskehren vielleicht — und wo ist Amiomio heute? hol der Henker die kleine Wetterhexe, sie geht immer fort und kommt niemals wieder.«