»Ich muß sie nachher noch einmal sprechen — werden Sie kommen?«
René verbeugte sich, aber Sadiens Bild stand in diesem Augenblick vor seiner Seele, und er erwiederte das Lächeln nicht.
Als er zurückschritt, sein Weib aufzusuchen, war Sadie eben mit Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinübergrüßte, zum Tanze angetreten, und an dem nächsten Fenster bleibend, lehnte er dort mit untergeschlagenen Armen, dem Tanze, an dem er dießmal keinen Theil nehmen wollte, zuzuschauen. Im Anfang schwammen ihm aber die Gruppen vor den Augen, ohne daß er im Stande gewesen wäre ein einziges Bild aufzufassen und zu halten. Vor seiner inneren Seele zog wieder und wieder die schöne Fremde — zogen die kalten Worte, die sie gesprochen, vorüber, und ein eigenes Weh, ein Gefühl dem er nicht Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz. Weshalb hatte sie ihn aufgesucht, weshalb sich ihm so freundlich zugewandt; um ihn nur wieder zurückzustoßen? — war das Ganze eine gewöhnliche Koketterie gewesen, ihn nur die Macht fühlen zu lassen, die sie über Männerherzen auszuüben gewohnt sei, und ihm dann lachend die Kluft zu zeigen die zwischen ihnen liege? »Bah — « um seine Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln, als ihm der Gedanke aufstieg daß sie sich ihn zum Spiel ihrer Laune ersehen haben könnte — und was sonst war ihr Zweck? »Thörichtes Mädchen«, murmelte er leise vor sich hin, »Deine Schönheit vermag wohl das Auge zu blenden für kurze Zeit, aber den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen; geh und suche Dir ein anderes Spiel, bei mir hast Du Deine Zeit verloren.«
Und wieder wechselten die Bilder in Zauberschnelle vor seinem inneren Auge — die liebliche Gestalt in dem prächtigen Ballstaat — die vorüberschwirrenden Paare, deren einzelne Umrisse er schon nicht mehr sah; dazu die Musik, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehörte Töne aus der Heimath — Weisen nach denen er selbst in schönerer Zeit — heiliger Gott die Erinnerung — — Er barg die Augen mit der linken Hand, aber nur wilder und unermüdlicher stürmten die Gedanken auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren.
Mehre Minuten mußte er so gestanden haben, als eine leichte Hand seinen Arm berührte, und fast erschreckt blickte er empor.
»Bist Du krank?« sagte eine leise, liebe Stimme, und Sadies treue seelenvolle Augen schauten bang und sorgend zu ihm empor; aber er bedurfte Secunden sich zu sammeln, sich zurückzurufen aus den Scenen in denen er jetzt — zum ersten Mal wieder nach langen Jahren — geweilt, und die er bis dahin mit fester Willenskraft zurückgeschleudert hatte wohin sie gehörten — in die Vergangenheit. Heute zum ersten Mal wieder, geweckt durch den Jugendgespielen vielleicht — vielleicht durch jenes schöne, kalte Bild, das ihn anzog und abstieß zugleich in wunderbarer Kraft, waren sie in altem Grimm und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines anderen, kaum minder starken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern.
Sadie — wie ein Sonnenstrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht und Leben über die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelschatten gedeckten Fluren wirft, so tauchte plötzlich das holde Bild in all seiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentönen gleich, die mit den weichen vollen quellenden Tönen nicht mehr allein durch das Ohr, nein durch alle Poren unseres Körpers in die Seele dringen und die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, in dem Vibriren ihrer feinsten Fasern, so sah er nicht allein das holde Kind in all seiner Lieblichkeit vor sich stehen, nein so fühlte er auch das Wohlthuende ihrer Nähe, das den bösen Geist zurückdrängte der ihn beschlich, und leise ihre Hand ergreifend, die in der seinen zitterte flüsterte er das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte — »Sadie!«
»Du bist krank, René,« sagte aber die junge Frau, ihn zum Fenster drehend — »Du siehst bleich und angegriffen aus — laß uns zu Hause gehen« — setzte sie dann rasch und leiser hinzu — »Dir wird wohler dort, viel wohler, und — mir auch.«
»Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind,« erwiederte René lächelnd — ein eigenes Gefühl trieb ihn seine jetzige Bewegung wie deren Ursache vor dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten, und das Auge der Liebe täuschte es nicht. René fühlte das auch wohl, und jeden weiteren Verdacht zu beschwichtigen, vielleicht weiteren Fragen zu entgehen, die er fürchtete, setzte er mit lauter fröhlicher Stimme hinzu: »nein Kind, mir ist sogar heut' Abend recht froh und leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verschmähte Freude kehrt nimmermehr zurück und es wär' Sünde sie von der Thür zu weisen.«
»Ich weiß nicht von wem Sie sprechen,« sagte in diesem Augenblick eine lachende Stimme an seiner Seite, und die muntere Madame Belard trat zu ihnen hinan — »aber nicht mehr wie schuldige Artigkeit wär' es, sollt ich denken, die Wirthin, wenigstens zu einem einzigen Tanz zu engagiren, daß sie nicht den ganzen Abend auch nur zusehen muß, wie sich ihre Gäste amüsiren.«