Die Wände waren übrigens, statt dem Luftzug freien Raum zu gönnen wie in den gewöhnlichen Indianischen Häusern, mit dünnen Bastmatten fast überall verhangen, und der Wärme wegen konnte das nicht gut geschehen sein, denn gerade dieser Platz hätte einer frischen Zugluft eher bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer fast den engen, darin ausgehauenen Hof und Hausraum umschloß; aber der Besitzerin dieses Platzes lag mehr daran ungestört und von neugierigen unberufenen Augen nicht belästigt zu sein, als frische Luft zu haben — obgleich sie deren Wohlthat wohl auch zu schätzen verstand.
Die Wände, wenn man das mit Bast überhangene Gatterwerk überhaupt so nennen darf, waren auch weiter durch Nichts belästigt was etwa einen besonderen Reichthum der Inwohner hätte anzeigen können; an der einen Seite hingen nur ein paar alte Kattun-Ueberwürfe, abgenutzt und geschwärzt durch die Jahre sowohl wie auch vielleicht den Rauch der Hütte, neben diesen aber und unter einer langen Reihe ausgeschliffener Cocosnußschalen, die die Stelle von Trinkbechern versahen, paradierte ein alter, einst weiß gewesener, aber jetzt in jede mögliche, wie unmögliche Form hineingedrückter Filzhut, der in besseren Tagen vielleicht einmal den pomadisirten Kopf eines Dandy im lustigen alten England geziert, jetzt aber verdammt war, seine Tage in Cocosnußölqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitischen Hütte zu verträumen.
So kahl übrigens die Wände dreinschauten, so toll und wild stand alles mögliche Geschirr und Geräth in den Ecken herum. Kalebassen, die auf diesen Inseln den Bewohnern gewöhnlich zu Kommoden, Koffern, Hutschachteln, Arbeitskörben, Speisekammern, Toiletten und Gott weiß was sonst noch dienten, waren in Masse vorhanden, und hie und da eine über die andere geschichtet; dabei lehnte, zwischen ein paar Besen, einer Harpune und einem Ruder, eine alte rostige Flinte mit Feuerschloß, und darüber, aber so versteckt hinter den Matten, daß es nur von einzelnen Theilen der Hütte aus gesehen werden konnte, war ein schmales kleines Bret befestigt, auf dem ein paar Bücher, und oben auf eine dickleibige abgegriffene Bibel lagen.
Interessanter und mannichfaltiger erwiesen sich aber jedenfalls die Bewohner wie gegenwärtigen Insassen dieses abgelegenen Platzes, den viele der Indianer sogar in abergläubischer Furcht mieden, weil sie »Mütterchen Tot«, wie die Eigenthümerin von den Matrosen gewöhnlich nur schlichtweg genannt wurde, in dem Besitz übernatürlicher Kräfte glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Ansehen eine solche Vermuthung, wenn überhaupt auf irgend ein menschliches Wesen anzuwenden, vollkommen.
»Mütterchen Tot« war ein Charakter, und Niemand betrat ihr Heiligthum zum ersten Mal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden, die selbst den Rohsten beschlich — aber ihr ehrwürdiges Aussehen trug wahrlich nicht die Schuld dabei.
Mütterchen Tot war übrigens — ehe ich den Leser mit ihrem äußerlichen Menschen, dem Anzug, bekannt mache — in Europa und zwar in dem Reiche ihrer Großbritannischen Majestät vor langen, langen Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob in dem bevorzugten England selber, dem »bonnie« Schottland oder der »grünen Insel«, wie Irland von seinen poetischen Kindern genannt wird. Sie mischte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch den langen Aufenthalt auf den Inseln, fast eben so viel Worte von diesen angenommen, daß, wer nicht Tahitisch oder wenigstens eine der Polynesischen Sprachen verstand, den Schlüssel zu all' den wunderlichen Ausdrücken zu haben, kaum im Stande gewesen wäre Sinn oder Verstand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen noch am leichtesten darüber hin, die ersteren glaubten sie spräche Englisch, die anderen hielten es für Indianisch.
In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die böse Welt behaupten wollte, nach Sydney deportirt, war sie von dort auf einem Englischen Wallfischfänger entwichen, oder eigentlich von dem Capitain desselben, den ihre Reize bestrickt haben mochten (denn Leute die Jahrelang draußen in See herumfahren sind nicht immer wählerisch) entführt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was riskirt die Liebe nicht, und setzte später die junge Dame, als er heimwärts fuhr und in solcher Begleitung doch nicht in einen Englischen Hafen wieder einzulaufen wünschte, auf den Sandwichs-Inseln ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen gelang, weiter zu suchen.
Mütterchen Tot's Memoiren würden jedenfalls höchst interessante Daten liefern, könnte sie nur eben veranlaßt werden näher auf sie einzugehn; sie sprach aber nie über ihre Vergangenheit, und das einzige Individuum, das vielleicht noch darüber, wenigstens über einen Theil derselben, Auskunft hätte geben können, und auf das ich gleich nachher zurückkommen werde, durfte nicht.
Soviel ist gewiß, in der Gruppe der Sandwichs-Inseln hatte sie sich lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehaust, war dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und Navigators-Inseln gegangen, und hatte dort zuerst angefangen eine kleine Wirthschaft zu gründen, in der sie besonders Matrosen beherbergte, und ihnen berauschende Getränke verkaufte, um die sie, wie um manches Andere, bei ihr würfeln konnten. Von dort streifte sie nach Neu-Seeland hinüber, wo sie wieder lange Jahre blieb, sich aber von hier eine »Stütze ihres Alters«, wie sie einen kleinen einäugigen Irischen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb, mitbrachte.
In Neu-Seeland hatten sie die Missionaire vertrieben und auf ein Schiff gepackt, das sie Beide in der Samoagruppe landete, und hier bewogen die Missionaire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen keineswegs freundlich gesinnte Wesen an Bord zu nehmen und dießmal, aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers-Inseln zuzuführen, wo sich die Katholiken schon seit längeren Jahren festgesetzt hatten. Ein Typhoon aber, der das Schiff faßte und entmastete, strandete es an Raivavai, und Mütterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Europäer fast in der Südsee, die besten Geschäfte und durch den Zwiespalt der Protestantischen Missionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher eine sichere Ruhestätte wie irgend eine andere Insel versprach, wo nur eine oder die andere Sekte allein gehaust, und dann auch geherrscht hätte.