»Das ist allerdings die sicherste Beförderung,« lächelte Hedwig, »wenn auch nicht immer die bequemste. Wie man aber nur so weit von zu Hause weggehen kann, begreif' ich nicht; mir thut das Herz schon weh, wenn ich nur einmal auf drei Tage von daheim fort bin.«
»Aber jetzt bleibt der junge Herr bei uns? nicht wahr?« rief der alte Comthur über den Tisch herüber. »Das weiß der liebe Gott, was jetzt in die Leute gefahren ist,« setzte er dann, zu Galaz gewandt und ohne Eduards Antwort abzuwarten, hinzu, »aber alle Welt läuft nach Amerika, und wen hier irgend der Schuh wo drückt, der packt seinen Koffer einfach und setzt sich in der liebenswürdigen Absicht auf ein Schiff, da drüben in Amerika Bäume auszureißen und ein reicher Mann zu werden. Denken Sie sich, Galaz, heute Morgen bekomme ich einen Brief von meinem Schwager, dem General. Sein Junge ist auch fort, der Fritz, – ein tüchtiger, wackerer Kerl sonst, mit Kopf und Herz auf dem rechten Fleck, – aber was thut er? – vergaffte sich da in ein armes Mädel, eine Schneiderin oder Wäscherin, Gott weiß was, und wie der General natürlich seine Zustimmung nicht geben will, hat er nichts Eiligeres zu thun, als mit ihr auf ein Schiff und nach Amerika zu gehen.«
»Der Fritz?« rief Graf Galaz erstaunt, »es ist doch kaum möglich – ein Aristokrat von ächtem Fleisch und Blut zwischen die Yankees – er kann sich dort nicht wohl und heimisch fühlen.«
Der alte Herr zuckte die Achseln – »er wird müssen,« sagte er, »denn er würde es mit einer solchen Mesalliance hier ebenfalls nicht gekonnt haben.«
»Aber lieber Freund,« sagte Galaz, »Mesalliancen sind jetzt ordentlich Mode geworden, und altadliche Geschlechter ohne Capital verbessern leider nur zu häufig ihre Umstände durch eine reiche Banquiers- oder Kaufmannstochter.«
»Leider, leider,« nickte der Comthur, »aber sie bekommen dann doch meistens Frauen, die schon in der Welt gelebt haben, und mit denen sie sich können sehen lassen. Eine elegante Erscheinung und die nöthige Tournüre übertüncht Manches – aber eine Näherin und ohne einen Heller Vermögen –«
»Es ist die alte Geschichte,« sagte Galaz, »eine Hütte und ihr Herz – das verwünschte Romanlesen steckt dem jungen Volk zu sehr in den Köpfen, und sie bedenken nicht, daß die Romane immer gerade da aufhören, wo ihr Leben anfangen soll –«
»Da haben Sie Recht, Herr Graf,« rief die muntere Hedwig, »das ist auch das Einzige, was ich so oft an den Romanen bedaure, daß der Autor Alles für abgemacht hält, sobald sich die Liebesleute bekommen haben, und da fängt ja doch das Interesse erst an. In einen Brautstand können wir uns Alle hineindenken, in einen Ehestand nicht – besonders wenn er nach solchen entsetzlichen Schwierigkeiten und mit so verschiedenen Elementen geschlossen wird, wie das in Romanen fast immer der Fall ist.«
»Sieh, sieh, meine kleine Hedwig,« lächelte Galaz, »ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so neugierig wären.«
»Wir sind Alle neugierig, nicht wahr, Großpapa?« rief Hedwig, »und so möchte ich um's Leben gern wissen, was für Abenteuer und Fährnisse mein schweigsamer Nachbar in dem schrecklichen Australien erlebt hat – und was es dort für Damen und Toiletten giebt, aber er erzählt mir gar nichts,« setzte sie mit komischem Bedauern hinzu.