Eduard fühlte wie roth er wurde, – »mein schweigsamer Nachbar,« – Du lieber Gott, wo hatte seine Erinnerung in dem Augenblicke geweilt, und wie schmerzlich ihn selber das Gespräch berührt, wenn auch Keiner der Anwesenden den wahren Grund vermuthen konnte.

»Aber die australischen Damen, mein Herz,« sagte der Großvater, »machen, so viel ich weiß, gar keine Toilette, und Herr von Benner wird sich auch wohl nicht um die bekümmert haben.«

»Sie machen mir meinen jungen Freund ganz verlegen,« lachte Graf Galaz, »übrigens muß ich Ihnen bestätigen, mein gnädiges Fräulein, daß es in der That außerordentlich schwer hält, ihn zum Erzählen zu bringen; indirect hab' ich es wenigstens schon verschiedene Male umsonst versucht.«

»Man glaubt gewöhnlich,« sagte Eduard, der seine Befangenheit gewaltsam abschüttelte, »daß Jemand, der ein fremdes Land besucht, auch immer viel Abenteuerliches müsse zu berichten haben, und wie viel Tausende wandern aus, ohne nach Jahre langem Aufenthalt, selbst in einer fremden Welt, mehr oder Merkwürdigeres erlebt zu haben, als was sie auch erlebt hätten, wenn sie daheim geblieben wären. Ich bin Einer von diesen Unglücklichen, die dazu verurtheilt bleiben, ihren alltäglichen Lebensgang fortzusetzen, wo sie sich auch befinden, und wenn ich ein Abenteuer erzählen wollte, müßte ich eins erfinden.«

»Aber mein bester Herr von Benner,« sagte Hedwig, »glauben Sie nicht, daß wir die Erzählung irgend eines haarsträubenden Abenteuers erwartet haben; im Gegentheil, die schenk' ich einem Jeden, denn es ist das eine Aufreizung der Nerven, die viel mehr angreift, als erquickt, – nein, irgend ein friedliches ethnographisches Bild jenes wilden Landes, die Beschreibung irgend einer dortigen Häuslichkeit, am liebsten Ihrer eigenen, würde für mich von weit größerem Interesse sein.«

»Mein gnädiges Fräulein –«

»Aber Kinder,« kam der alte Comthur hier dem jungen Mann zu Hülfe, »wie könnt Ihr nur erwarten, daß Benner sich hier zu Euch zum ersten Mal zum Frühstück niedersetzen und dann augenblicklich anfangen soll, zu erzählen. Das geht ja doch auf keinen Fall und ist gegen Menschennatur. Wollt Ihr von Jemandem etwas erzählt haben, so erzählt ihm selber erst etwas, nachher thaut er auf und Ihr bringt ihn in Gang. So vom Platz weg geht das nicht, wie bei einer Spieluhr, die man nur aufzuziehen braucht. Benner bleibt jetzt jedenfalls in unserer Nachbarschaft und wird uns, wie ich sicher hoffe, öfter besuchen. Dann benutzt Eure Zeit, und wenn Ihr es geschickt anfangt, zweifle ich keinen Augenblick, Ihr werdet Alles aus ihm herausbekommen.«

»Wenn ich nicht fürchten muß den Damen lästig zu fallen, mach' ich gewiß von dieser freundlichen Einladung Gebrauch,« sagte Eduard.

»Lästig fallen,« rief aber der Comthur – »man sollte wahrhaftig glauben, er hätte Deutschland keinen Augenblick verlassen, so geläufig sind ihm noch die faden, nichts meinenden Höflichkeitsformeln – lästig fallen, junger Freund – ein Australier und lästig fallen – da sehen Sie sich einmal die Gesichter der Damen an.«

Das Gespräch wurde jetzt allgemein, aber Eduard fand überall so viel Herzlichkeit, so viel freundliches und unbefangenes Entgegenkommen, daß er auch selber mehr aus sich herausging. Im Anfang war ihm das Gefühl gekommen, als ob er nicht in diesen Kreis gehöre, als ob er ein Eindringling sei in diese Cirkel, wenn ihn auch seine Geburt zu dem Verkehr mit ihnen berechtigte – aber das verschwand. Die dunkle Wolke, die auf seinem Leben lag, lichtete sich mehr und mehr in dem auf ihn einwirkenden Sonnenschein dieses geselligen Kreises; er plauderte und erzählte, und als er endlich, um seinen Weg mit dem Schwager fortzusetzen, Abschied von dem alten Herrn und den Damen nahm, gelobte er ihnen mit Hand und Mund, seinen Besuch recht bald zu wiederholen.