Sechstes Capitel.
In der Heimath.
Eduard von Benner befand sich, so lange er in dem Kreis dieser liebenswürdigen Familie weilte, in einer Art von künstlich hervorgerufener Erregung, die ihn der Vergangenheit wie Zukunft entrückte und seine Augen nur an der erfreulichen Gegenwart schwelgen ließ. Er hatte mit Hedwig und den anderen jungen Mädchen gelacht und ihnen eine Menge Dinge von den australischen Wunderlichkeiten erzählt, von den sonderbaren Eingeborenen, von dem fremdartigen Baum- und Pflanzenwuchs, von den ganzen Eigenthümlichkeiten des Landes, dem die kleine Gesellschaft mit der gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte.
Jetzt war der Zauber von ihm genommen. Er ritt wieder mit seinem Schwager den breiten, sonngebrannten Weg hinab, der nach dem nächsten Dorf und Rittergut hinüberführte; aber all die alten peinigenden Gedanken stürmten auf ihn ein und plagten sein Herz mit ihren Zweifeln und Vorwürfen, denn das Geheimniß seiner Ehe lag wie ein Alp auf seiner Seele.
Und weshalb hatte er überhaupt ein Geheimniß daraus gemacht? Weshalb seiner Schwester nicht gleich bei seiner Ankunft die unumwundene, doch nicht mehr zu umgehende Wahrheit gesagt? – Wieder und wieder legte er sich die Frage vor, und immer fehlte ihm die Antwort, weil er sich scheute, sie sich selber zu gestehen – er habe sich seines braven Weibes geschämt. Und mußte es Alexandrine denn nicht erfahren? Mußte er denn nicht einmal das doch thun, gegen das er sich jetzt noch sträubte: ein volles Geständniß seines bisherigen Lebens abzulegen, und verschlimmerte er nicht seine Schuld noch durch Verzögerung? –
Wenn er es nun jetzt gleich that, seinem Schwager Alles mittheilte, was ihn bedrückte, sein Herz frei und leicht machte? Aber er wagte es nicht. So oft ihm das Wort auch schon auf den Lippen lag, er vermochte nicht, es auszusprechen, denn er fürchtete die Vorwürfe des strengen Mannes. – Aber seine Schwester wollte er zur Vertrauten machen, sobald er zurück nach Galaz kam; sie sollte, sie mußte Alles wissen, und ihm dann rathen, was er zu thun habe. Sie war ja auch so gut und lieb und hing an ihm mit ganzer Seele, ihr durfte er sagen was ihn bedrängte, und ihrem Ausspruch wollte er sich dann fügen.
»Bist Du ein wunderlicher Mensch,« sagte da Galaz, der an seiner Seite ritt, »eben noch da drin bei Deinen schönen Zuhörerinnen Feuer und Flamme und gar nicht wegzubringen, daß wir jetzt in der heißen Mittagssonne den Weg reiten müssen, den wir hätten in der Morgenkühle zurücklegen können, und nun auf einmal bleich und in Dich gekehrt, Deinem Pferd die Sporen einsetzend, daß ich kaum Schritt mit Dir halten kann, und auf keine meiner Fragen und Zurufe achtend. Deine Erinnerungen haben Dich wohl so lebhaft in Deine »»Malley- und Salzbusch-Scrubs«« zurückversetzt, daß Du ganz in Gedanken hinter einem eingebildeten Dingoe oder Känguruh hersetzest?«
»Sei mir nicht böse, Rudolph,« sagte Eduard, rasch dabei sein Pferd einzügelnd; »Du hast Recht, ich war wirklich mit meinen Gedanken fern, aber nicht in Australien, wie Du zu glauben scheinst, sondern hier bei Euch. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wunderbar für mich der rasche Uebergang von jenem trostlos wilden Leben zu diesem mit Genüssen gesättigten ist, und es giebt noch Stunden, wo es mir vorkommt, als ob ich von einem Zauber befangen sei, der nicht wahr und wirklich sein könne und – ich fürchte mich dann ordentlich vor dem Erwachen.«
»Ich glaube Dir's,« sagte Graf Galaz gutmüthig, »ich glaube Dir's – Dein langes einsames Leben dort, dann die fünfmonatliche Seereise auf einem Schiff, wo Du, wie Du uns erzählt, der einzige Passagier gewesen, das Alles mußte dazu dienen Dich von der Welt abzuschließen, Dich ihr zu entfremden; aber davon werden wir Dich hier bald kuriren, das sei versichert. Es wird nicht lange dauern, und Du fühlst Dich wieder so heimisch bei uns, wie bis jetzt unter Deinen ewigen Gumbäumen – Aber da sind wir an Ort und Stelle,« – unterbrach er sich selber – »das hier ist das Vorwerk, das ich Dir zeigen wollte, und nun laß uns Schritt reiten, damit sich die Thiere wieder ein wenig abkühlen; wir sind fast ein wenig zu rasch hierher gejagt.«
Von jetzt an nahm die Gegenwart und die aufgesuchte Oertlichkeit ihre ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Eduard noch länger hätte seinen trüben Gedanken nachhängen können; und wahrlich, er suchte ein solches Grübeln nicht, das ihm, je länger es dauerte, je peinlicher wurde. Er wollte vergessen – wenigstens für jetzt. – Was später kommen mußte, kam ja doch.
Erst gegen Dunkelwerden kehrten sie nach Haus zurück, aber auch hier fand sich keine Gelegenheit ungestört mit der Schwester sprechen zu können, denn es war Besuch angekommen, der einige Tage blieb und ein ruhiges Beisammensein unmöglich machte. Er konnte nicht einmal die Abreise desselben erwarten, denn er mußte jetzt selber wieder auf einige Zeit in die Residenz, um seine Geldangelegenheiten mit dem dortigen Banquier zu ordnen und ihm seine Namensunterschrift zu geben.