Von der Residenz aus aber schrieb er einen langen Brief nach Hause an sein Weib – schrieb ihr, daß er noch aufgehalten werde und nicht so rasch zurückkehren könne, als er geglaubt, und schickte ihr in Wechseln auf Adelaide eine nicht unbedeutende Summe Geld, damit sie sich indessen dort jede Bequemlichkeit verschaffen könne, die ihr bis dahin gefehlt. Auch für Becher wies er das ihm zur Reise geborgte Geld an, und fühlte dadurch sein Herz erleichtert – war er doch vor der Hand, soweit er dies vermochte – seinen Verpflichtungen nachgekommen.

In der Residenz wurde er länger aufgehalten, als er gedacht – so viele alte Freunde fand er ja dort, und mit ein oder dem Anderen erst zufällig zusammengetroffen, konnte und durfte er doch auch die Uebrigen nicht vernachlässigen – man hätte es ihm mit Recht übel genommen. Außerdem mußte er sich auch vollkommen neu equipiren. Mit seiner Toilette war es noch immer ziemlich schlecht bestellt, denn nach seiner Ankunft hatte er sich doch nur eben das Nothwendigste angeschafft. Das Alles nahm Zeit weg, und die Zeit flog hier in Europa so entsetzlich rasch; er wußte oft selber nicht, wo so ein Tag geblieben.

Endlich kehrte er nach Galaz zurück, aber die Gastlichkeit der Insassen schien kein ruhiges Leben, wenigstens in der Sommerzeit, zu gestatten. Er fand den alten Comthur mit Hedwig und zweien ihrer jüngeren Schwestern zum Besuch dort, und wurde mit Jubel von der kleinen Gesellschaft empfangen.

Und wie lieb und gut war Hedwig gegen ihn – wie lernte er hier in diesen wenigen Tagen ihr stilles Wirken kennen und schätzen. – Und wie talentvoll war sie dabei – was für reizende Skizzen hatte sie in der kurzen Zeit gemalt, und welche zum Herzen sprechenden Melodieen entlockte sie den Tasten, wie seelenvoll klang ihre Stimme, wenn sie dazu sang. Eduard saß dann stumm und regungslos in einer Ecke des Zimmers, und lauschte wie fernem Orgelklang den lieben Tönen – so weich – so weh war ihm dabei ums Herz, und ankämpfen mußte er gegen sich, um die aufsteigenden Thränen zu bezwingen.

Was es war, das ihn so bewegte? er mochte sich selber keine Rechenschaft darüber geben – er wußte es nicht, aber während es sein Herz mit süßer Wehmuth füllte, überkam ihn eine Angst dabei – eine Angst vor sich selber, die ihm die kalten Tropfen auf die Stirn preßte. Er mußte endlich aufstehen und das Zimmer verlassen, weil er sich zu verrathen fürchtete, und Alexandrine nur, die ihn schweigend beobachtet hatte, folgte ihm mit ihrem Blick.

Liebte er Hedwig? – Sie wünschte und hoffte es, denn erst dann durfte sie fest darauf rechnen, den ruhelosen Geist für immer in ihre Nähe zu bannen. – Aber weshalb dann diese Unruhe, dieser augenscheinliche Schmerz in seinen Zügen. Sie wußte, daß er nicht verzagt war – nie im Leben! Nagte ein anderer Gram an seinem Herzen?

Hedwig hatte den Kopf gewandt, als er das Zimmer verließ und ihm nachgesehen. Und mitten im Gesang ging er fort. Sie endete ihr Lied und sagte lachend:

»Deinen Bruder, Alexandrine, habe ich hinausgesungen.«

»Aber ich glaube,« sagte die Gräfin, »es kann nur schmeichelhaft für Dich sein, denn er schien mir tief ergriffen.«

»Du brave Schwester Du,« lachte das junge Mädchen, »wie wacker Du seine Parthie nimmst – aber ich werde nachher ein Kreuzverhör anstellen und sehen, ob er die nämlichen Entlastungsgründe – wie Großpapa sagt – vorbringen wird, die seine Vertheidigerin aufgestellt hat.«