»Aber Herr von Benner, ich habe Sie ja nicht böse machen wollen; zürnen Sie nicht meinem tollen Muthwillen, der Sie vielleicht verletzte, wo – er nur ein wenig necken sollte –«
»Mein liebes gnädiges Fräulein,« erwiederte Benner, »glauben Sie um Gottes Willen nicht, daß Jemand Ihnen zürnen könnte –«
»Also auch zu schmeicheln verstehen Sie? – Sie sind vielseitig.«
»Nein,« sagte Eduard treuherzig, »das habe ich glücklicherweise, mit mancher anderen unnützen Eigenschaft, da draußen in der Welt abgeschliffen – ich kann nicht heucheln und wie ich mich gebe bin ich.«
»Wollte Gott, alle Menschen könnten das von sich sagen,« seufzte Hedwig – »es wäre besser auf der Welt.«
Alexandrine hatte ihren Bruder, während er sprach, still und schweigend beobachtet, jetzt da die Unterhaltung eine zu ernste Wendung zu nehmen schien, trat sie an's Instrument und fiel rasch in eine muntere Weise ein, die bald alle trüben und schwermüthigen Gedanken zerstreuen mußte. Hedwig jubelte auch gleich wieder auf, und in wenigen Minuten hatte sie den bösen Geist beschworen, der die Fröhlichkeit des kleinen Kreises stören wollte. – Aber im eigenen Herzen war es der Schwester trotzdem nicht so leicht zu Muthe, denn Eduards ganzes Benehmen verrieth, daß ihm irgend etwas – was es auch sei, die Seele drücke – und weshalb gestand er ihr das nicht? War es wirklich erwachende Liebe für das junge, reizende Mädchen – aber weshalb da dieser kummervolle, schmerzliche Zug um den Mund? War das eine Quelle der Sorge und hätte es nicht eher das Gegentheil, eine Quelle der Freude und des erwachenden Glückes sein müssen?
Die jungen Damen blieben noch bis spät in die Nacht bei ihnen, und Alexandrine beschloß ihren Bruder an diesem Abend scharf und heimlich zu beobachten, ob sie etwas weiteres an ihm entdecken könne, wo nicht aber, ihn morgen direct zu fragen, was ihm fehle, denn fehlen mußte ihm etwas, und ihm ihre Hülfe anzubieten. Sie war ja so glücklich ihn wieder zu haben, und konnte ihn da nicht traurig sehen, wo gerade Alles zusammentraf, um ihn mit dem früher verlorenen Leben wieder auszusöhnen.
Durch die heiteren Weisen angeregt, schien er auch wirklich seinen trüben Gedanken entzogen zu sein, und als sich nach Tisch die kleine Gesellschaft noch auf der Terrasse versammelte, wurde er sogar heiter und gesprächig.
Es war auch ein lauschiges Plätzchen zum Erzählen, diese Terrasse in der Blüthenzeit des Jahres. Breit und geräumig, mit feinem Kies bestreut, umzog sie eine niedere steinerne Balustrade, auf den Pfeilern mit Vasen bestellt, in denen breitblättrige stachliche Aloepflanzen üppig wucherten. In der Mitte derselben war ein Bassin von weißem Marmor angebracht, aus dem ein kleiner Springbrunnen emporstieg, gerade hoch genug, um durch sein leises melodisches Plätschern die Stille zu unterbrechen, und doch das Gespräch nicht zu stören. Auf den Marmortischen brannten Windlichter in hohen geschliffenen Gläsern und warfen ihren matten Schein auf die umhergepflanzten Blüthenbüsche, während von dem mit eisernen Stäben umzogenen Portal des Gartensalons blühendes Jelängerjelieber niederhing, die Luft mit seinem Wohlgeruch erfüllte und zahlreiche große, prächtig farbige Nachtfalter anzog, die darum her und oft über die Lichter surrten.
Und weit da draußen lag der Park mit seinen duftenden Wiesen und seinem breiten Wasserspiegel des Teichs, in den der Mond sein Licht niederstrahlte, und auf dem noch silberblitzende Schwäne herüber und hinüber zogen, während ein leiser Luftzug über die paradiesisch schöne Gegend strich.