Unten im Park schlug eine Nachtigall und die kleine Gesellschaft war aufgestanden und an die Terrasse getreten, um den lieben Tönen zu lauschen – jetzt schwieg sie, und lautlos schauten sie Alle in die stille herrliche Nacht hinaus.
»Und ist es auch so schön bei Ihnen in Australien, Herr von Benner?« sagte da Hedwig, die an seiner Seite stand – mit leiser Stimme – »haben Sie auch dort solche Nächte, einen solchen Himmel, solche Scenerie?«
»Nein, mein Fräulein,« erwiederte Benner bewegt – »für den Australier vielleicht, aber nicht für uns, deren Seele noch am deutschen Boden hängt. – Es giebt doch nur eine Heimath, und wo die ein solches Paradies umschließt, wer kann es dem Menschenherzen da verdenken, wenn es an ihr mit allen Fasern hängt.«
»So sehnen Sie sich nicht dorthin zurück?«
Eduard schwieg – die Frage traf ihn tief ins Mark, denn Alles was den Menschen an dies Leben bindet: Weib und Kind lag ihm dort, und hätte ihn mit allen Banden der Seele zurückziehen müssen.
»Es ist eine merkwürdige Thatsache mit uns armen Sterblichen,« sagte er endlich, »daß wir einen Platz, auf dem wir lange gelebt – ob es uns dort gut gegangen – ob wir Leid oder Weh erfahren – lieb gewinnen, und mit Wehmuth von ihm scheiden. Ja den Gefangenen sogar soll ein solches Gefühl ergreifen, wenn er aus seiner Zelle scheidet, aus der er sich lange, lange Jahre mit blutendem Herzen herausgesehnt. Wird ihm aber die Freiheit endlich, und darf er den Schauplatz seines Jammers verlassen, so erfüllt ihn ein Gefühl der Wehmuth, von den Mauern jetzt für immer Abschied zu nehmen, die so oft seine Seufzer und Thränen gesehen.«
»So war Ihnen Australien ein Gefängniß?« sagte das junge Mädchen mit tiefem Gefühl – »o bitte, erzählen Sie uns einmal, wie Sie die letzte Zeit dort gelebt, was Sie gethan und getrieben, wer mit Ihnen verkehrt und was Sie ertragen. Für uns, die wir Sie jetzt kennen, ist das ja Alles, selbst die größte Kleinigkeit von Interesse.«
»Auch uns hast Du eigentlich noch Nichts von Deinem dortigen Leben erzählt,« bat jetzt auch Alexandrine – »von den Menschen dort wohl, den wilden und zahmen, von den Pflanzen und Thieren – aber nie von Dir selber. Du bist hier unter lauter Freunden, lege einmal eine offene Beichte ab.«
Alles drang jetzt in ihn, seine Schicksale zu erzählen – aber so heiter und unbefangen Eduard auch vorher wieder geplaudert hatte, jetzt zog er sich scheu in sich selbst zurück. Er gab ausweichende Antworten – er sei dazu nicht in der rechten Stimmung – es wäre auch zu einförmig, um die Gesellschaft zu unterhalten – kurz er wich aus, und da man fühlte, daß er es nicht gern that, hatte man Takt genug, nicht weiter in ihn zu dringen.
Das Gespräch drehte sich jetzt um alltägliche Gegenstände, und erst gegen elf Uhr fuhr der Wagen des alten Herrn vor, der die Familie zurück auf ihr Schloß brachte.