»Es ist wahr, Eduard,« bestätigte auch der Graf, »etwas muß in Dir nicht richtig sein. Entweder liegt Dir irgend eine Krankheit in den Knochen – Du hast Dich vielleicht noch nicht wieder genug acclimatisirt, und dafür habe ich es bis jetzt gehalten, oder – Alexandrine hat Recht und irgend eine Sorge, ein Kummer nagt Dir am Herzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie gern ich Dir helfen möchte – wenn Du überhaupt Hülfe brauchst. Aber drückt Dir wirklich etwas die Seele, dann auch herunter damit, daß Du uns wieder ein freundliches, unbekümmertes Gesicht zeigst. Es thut mir weh, Dich so zu sehen.«
Benner saß, den Arm auf den Tisch gestützt, mit niedergeschlagenen Augen da. Er hatte ja zu ihnen reden, ihnen Alles gestehen wollen was ihn quälte, jetzt aber, da der Augenblick nahte, fehlte ihm wieder der Muth, denn er wußte ja nur zu gut wie der Theil der Gesellschaft, zu welchem die Seinigen gehörten, in dem sie lebten und wirkten, seine Stellung beurtheilen würde. Aber er konnte auch nicht mehr zurück – schon durch sein halbverlegenes Schweigen hatte er eingestanden, daß wirklich nicht Alles mit ihm sei wie es solle, daß ihn irgend etwas peinige –; Schweigen hieß jetzt den ihm liebsten Menschen das Vertrauen weigern, und sich plötzlich gewaltsam emporraffend, sagte er scheu:
»Ja, Alexandrine – ja, Rudolph, Ihr habt Recht – ich hatte in der That bis jetzt vor Euch ein Geheimniß – und daß ich es hielt mag Euch beweisen, wie ich selber das Drückende meiner Lage fühle. Aber es soll nicht länger so zwischen uns sein, und dann rathet mir was ich thun – wie ich handeln soll.«
»Mein guter Eduard!«
»Hört mich. – In Australien, abgeschnitten von Allem an dem bis jetzt mein Herz hing, freundlos, freudlos, allein und verlassen und auf meiner Hände Arbeit angewiesen, mit meinem Vater entzweit, also auch jede Rückkehr nach Europa verlegt und unmöglich gemacht, trieben mich Trotz und Verzweiflung zu einem Schritt, der mich für immer an Australien fesseln sollte – ich heirathete.«
»Du bist vermählt?« rief Alexandrine erstaunt, fast erschreckt aus.
»Vermählt – ja,« sagte Eduard bitter und leise vor sich hin, »mit der Tochter eines Schuhmachers, die, als ich sie kennen lernte, bei einem deutschen Apotheker – in Diensten stand –«
Alexandrine erwiederte kein Wort – sie war todtenbleich geworden, und ihre Gestalt zitterte – sie mußte sich auf den Stuhl niedersetzen, neben dem sie stand.
»Jetzt wißt Ihr Alles,« fuhr er dann leise fort – »mein Weib ist gegenwärtig mit unserem Kind bei ihren Eltern in Tanunda und erwartet mit Sehnsucht meine Rückkehr nach Australien. – Meine dort übernommene Pflicht zwingt mich, dahin zurückzukehren, denn – ich darf Euch hier keine Schande machen.«
»Oh Eduard, Eduard, hast Du denn gar nicht mehr an uns gedacht?« klagte da seine Schwester; »mußtest Du Dich denn mit Gewalt von Allem losreißen, was Dir noch lieb und theuer war auf der Welt – hatten wir das um Dich verdient?«