Alexandrine las schweigend den Brief und ihn dann ihrem Bruder zurückgebend, sagte sie leise:

»Wie lieb und gut – die arme, arme Frau. Wie lange ist es jetzt her, Eduard, daß Du von Australien fort bist – Zwei Jahre, nicht wahr?«

»Zwei Jahre?« rief ihr Bruder leidenschaftlich, »vier Jahre sind es, daß ich die Meinen nicht gesehen, und zu einer Ewigkeit ist mir die Zeit geworden.«

»Vier Jahre – es ist eine lange Zeit – und wie wird sich Henriette indeß nach Dir gesehnt haben. Dir freilich mag sie rasch genug verflossen sein, denn das gesellige Leben, das Du dort ganz entbehren mußtest, hat Dich doch sehr in Anspruch genommen. Ich sehe jetzt auch wohl selber ein, daß es zu viel von Dir verlangt gewesen wäre, ihm für immer zu entsagen. Wozu der Mensch einmal von Jugend auf erzogen ist, das verwächst mit seinem inneren Selbst, und er kann es nicht so leicht abschütteln ohne sich unglücklich – wenigstens außer seiner Sphäre zu fühlen.«

»Und glaubst Du wirklich, daß ich an diesem Leben hänge?« rief Eduard erregt aus, »glaubst Du wirklich, daß mich dies schale Treiben, das Ihr die »Gesellschaft« nennt, auf die Länge der Zeit fesseln und halten könnte?«

»Das schale Treiben?« sagte Alexandrine lächelnd, »in dem Du Dich so lange wohl gefühlt?«

»Wohl gefühlt? ja, weil ich taub und blind gegen mein eigenes Herz war,« rief ihr Bruder – »aber weiß Deine Welt den inneren Werth eines Menschen zu schätzen, und urtheilt sie etwa nach einem anderen Maaßstab, als der äußeren Form?«

»Du denkst jetzt anders über die Gesellschaft, als vor kurzer Zeit.«

»Oh, daß ich immer so gedacht hätte,« sagte Eduard leise, »viel, viel Schmerz wäre meinem braven Weib erspart geblieben. Aber es ist noch nicht zu spät,« setzte er rasch hinzu, »noch kann ich gut machen, was ich gefehlt, und beim ewigen Gott, ich werde es.«

»Was willst Du thun, Eduard?«