»Es steht auch noch drunter, daß der Junge in Preußen nie seiner Militärpflicht nachgekommen wäre und schon deshalb nicht als preußischer Unterthan betrachtet werden könnte.«
»Und was liegt dran?« rief Hans, den Brief trotzig auf den Tisch zurückwerfend, »irgendwo muß ich zu Haus gehören, das sieht ein Kind ein, und wenn Preußen nichts von mir wissen will – ei, dann müssen sie mir hier einen solchen Wisch geben. Siehst Du wohl, Vater, hättest Du mich nur gleich in die Stadt hineinreiten lassen, so wäre jetzt Alles abgemacht, und nun geht die Geschichte noch einmal von vorn an. Hier haben wir unsern Grund und Boden, und hier gehören wir also auch her. Was kümmert uns Preußen?«
»Na, ich will's wünschen,« sagte der alte Barthold, der auf einmal merkwürdig mißtrauisch gegen alles das geworden war, was Behörden eigentlich thun müssen und was sie wirklich thun. »Da ist's aber doch besser, ich fahre selber in die Stadt; denn wenn Du auch jetzt gingst, so müßte ich später doch selber hinein, und da würde nur noch mehr Zeit damit verloren. Außerdem kann ich dann gleich einmal mit zum General-Superintendenten gehen und sehen, wie die Sache mit dem »Dispens,« glaub' ich, nannt' es der Pfarrer in Wetzlau, steht. Die nehmen sich auch eine bärenmäßige Zeit. Heute käm' ich freilich zu spät hinein, und morgen ist Sonntag, wo alle Gerichte geschlossen sind; aber den Montag Morgen mit Tagesanbruch fahre ich weg. Bis dahin mußt Du Dich schon noch geduldigen, Hans. Es kann eben nichts helfen.«
Der alte Barthold ging hinauf in seine Stube, um sein Mittagsschläfchen zu halten, und die Mutter hatte draußen noch zu thun. Hans war am Tische sitzen geblieben, stützte den Kopf in die Hand und sah finster brütend vor sich nieder. Katharine trat in's Zimmer und ging hindurch in die Kammer, um reine Milchtücher herauszunehmen. Als sie nach einer Weile zurückkam, saß der Hans noch immer in der nämlichen Stellung; er hatte sie gar nicht gehört.
Katharine trat leise auf ihn zu, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Hans!«
»Bist Du's, Kathrin,« sagte Hans und sah zu ihr auf. »Willst' was?«
»Weiter nichts, als daß Du nicht mehr so traurig bist. Habe nur ein klein wenig Geduld, es macht sich ja Alles, und das Lieschen wird bald Deine Frau werden. Ihr seid ja nachher auch für das ganze lange Leben beisammen, und bei so einer langen Zeit kann's ja doch auf die paar Tage nicht ankommen.«
»Ich bin nicht traurig, Kathrin,« sagte Hans, indem er sich die lockigen Haare aus der Stirn warf, »nur ärgerlich, ärgerlich über die Gerichte, über das Consistorium, über die Pfarrer, über die Gerichtshalter, über mich – ei, über die ganze Welt!«
»Ueber mich auch, Hans?« fragte Kathrine, und sah ihn mit ihren hellen Augen so treuherzig an.
»Ueber Dich? – nein, Kathrin',« sagte Hans, ihre Hand nehmend und drückend, »weshalb sollt' ich über Dich böse sein? Du bist immer so lieb und gut, und wenn's an Dir läg', so hätt' ich meine Papiere gewiß schon lange und könnt' morgen Hochzeit machen.«