Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. Die Frau kehrte, während der Gefangenen unter Aufsicht des jungen Mädchens gestattet wurde, wieder ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und brachte nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie bei ihr verborgen gefunden hatten. Sie überreichte es dem Commissär, der es öffnete und englische Banknoten zum Werth von etwa achthundert Pfund darin fand. Vier Noten von 100 Pfund Sterling waren darunter.

»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton rasch, als er sie erblickte – »von den Hundert Pfund-Noten habe ich die Nummern, und die wollen wir nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden wir das Zimmer untersuchen müssen, in daß sich Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß sie die Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um ein oder das andere in Sicherheit zu bringen.«

»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte die Frau des Polizeidieners kopfschüttelnd – »in alle Polster hineingefühlt und die Gardinen ausgeschüttelt, selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau nachgesehen. Es steckt nirgends was.«

»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür klopfend, denn er war nicht gewohnt sich auf die Aussagen Anderer zu verlassen. Das junge Mädchen, das zur Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten im Zimmer und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten in Zorn und Haß entgegen. Hamilton war aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. Das erste, was er that, war, die Jalousieen aufzustoßen, um hinreichend Licht zu bekommen, dann untersuchte er Tapeten und Bilder – auch hinter den Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern und stieg hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen. Er fand nichts, aber er ruhte auch nicht – der Teppich zeigte nicht die geringsten Unebenheiten. – Er rückte das Sopha ab und fühlte daran hin – aber es ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.

Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen Hinterwand des Sophas hinfuhr, gerieth sein Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite dem Fenster zugewandt, nahm sein Messer heraus und trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter auf. Während er mit dem rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr, streifte sein Blick die Gestalt der Gefangenen, die augenblicklich gleichgiltig auszusehen suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß sie seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte.

»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine Finger einen fremdartigen Gegenstand trafen – »ob ich es mir nicht gedacht habe, daß Sie die Ihnen verstattete Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise benutzen würden. Sie sehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu den »Grünen« gehörten – was haben wir denn da? – eine reizende Kette und da hängt auch ein Ohrring darin – da wird der andere ja wohl auch nicht weit sein – es kann nichts helfen, der Tapezierer muß wieder gut machen, was ich jetzt hier verderbe« – und er riß, ohne weitere Rücksicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus, bis er den gesuchten Ohrring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand. Auch eine Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend, kam mit dem Werg zu Tag.

»Leugnen Sie jetzt noch, Madame?« sagte Hamilton, indem er sich aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geschmeide entgegenhielt. Aber die Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und finster, wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte sie vor sich nieder, und nur die rechte Hand hielt sie krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild zusammengebissen und die Augen, die von solchem Liebesreiz strahlen konnten, sprühten Feuer.

»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär entgegen.

»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton ruhig – »aber ist denn der Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurück?«

»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer auf Sie.«