Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben, daß der Mann, der an jenem Abend jedenfalls etwas von ihm gewollt, vielleicht sogar von selber wiederkehren würde – aber er sah sich darin ebenso getäuscht, wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden. Der räthselhafte Mensch schien wie in den Boden hinein verschwunden.

Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau. Sie wußte recht gut, wen er die ganzen Tage über, mit Vernachlässigung aller seiner nothwendigsten Geschäfte, gesucht habe; nie aber, wenn er körperlich ermattet und geistig abgespannt zum Mittags- oder Abendbrot heim kam, frug sie ihn nach dem Resultat seiner heutigen Suche – sie schien das schon vorher zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend mit dem Kopf, als ob sie hätte sagen wollen: Es ist ja natürlich – wie kannst Du ein Wesen in der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde körperlich existirt – und dem Justizrath war es dann jedesmal, als ob er wie ein Maschinenwerk frisch aufgezogen wäre, und die Zeit gar nicht erwarten könne, in der er wieder anfinge zu laufen.

Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr fortgegangen, weil einige nothwendige Arbeiten erledigt werden mußten, um sieben Uhr hatte er außerdem eine Sitzung und seiner Frau gesagt, daß er heute nicht vor neun Uhr nach Hause kommen könne – wäre er aber im Stande sich früher loszumachen, so thäte er es sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch hinüber und bat die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein wenig die Freundin besuchen könne. Sie sei heute so merkwürdig niedergeschlagen, und da er durch nothwendige Geschäfte abgehalten wäre, würde es ihm eine große Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft leisten wollte.

Die stets heitere und freundliche Hofräthin versprach das von Herzen gern, ja meinte, sie hätte es sich heute sogar schon selber vorgenommen gehabt, Augusten aufzusuchen, da sie – einen Scherz vorhabe bei dem sie ihre Mitwirkung wünsche.

»Sie sind ein Engel,« sagte der Justizrath mit einer, an ihm ganz ungewohnten Galanterie, denn durch die freundliche Zusage schien sich ihm eine Last vom Herzen zu wälzen, und vollständig versichert, daß seine Frau jetzt für den Nachmittag und Abend Zerstreuung und also keine Zeit habe, ihren trüben Gedanken nachzuhängen, ging er mit Ernst und gutem Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine unbestimmte Persönlichkeit, von der er weder Namen, Stand noch Wohnung wußte, in der ziemlich weitläufigen Stadt aufzusuchen.

Die Hofräthin Janisch hielt indessen Wort; kaum eine halbe Stunde später war sie drüben bei der Freundin und hatte ihr so viel zu erzählen und plauderte dabei so liebenswürdig, daß Auguste das sonst so schwer auf ihr lastende Gefühl endlich ganz vergessen zu haben schien. Bertling würde seine herzinnige Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser Zeit hätte sehen können.

Indessen war die Dämmerung hereingebrochen. Eben aber wie Licht gebracht werden sollte, sagte Pauline:

»Hör einmal, liebes Herz, ich – ich habe etwas vor, bei dem Du mir helfen sollst – willst Du? – es ist nur ein Scherz.«

»Von Herzen gern, was ist es?«

»In Eurem Hause wohnt eine Frau – nun wie heißt sie doch gleich – eine Frau Heßling oder –«