Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen und scheuen Blick nach den Damen hinüber, denn der gegenüber sitzende Meister beobachtete ihn über die Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen Gesangbuch dicht neben ihm liegender Knieriem mochte wohl eine versuchte Neugier von seiner Seite schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft haben.
Es ist möglich, daß das mürrische Temperament des Alten die einzige Ursache dieser Gleichgültigkeit war, viel wahrscheinlicher aber, daß er es eher aus Rücksichten für den Besuch selber unterließ, von diesem die geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen, denn er wußte recht gut, daß die Damen, die solcher Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau kamen, nicht erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein wollten – warum ihnen also nicht darin willfahren, da sie doch immer gut bezahlten.
Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen der verschiedensten Leisten und Lederstücke und dem Ofen hindurch nach der dort befindlichen Thür, öffnete diese und entzündete zwei auf dem mit einer alten verwaschenen Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter; Auguste und Pauline waren ihr indeß gefolgt, und ehe sie die Thür hinter ihnen schloß, rief sie nur noch dem Lehrjungen zu, die Suppe für den Meister herein zu holen und drehte dann den Schlüssel im Schloß um.
Pauline, während ihre Freundin kaum aufzuschauen wagte, sah sich indessen in dem kleinen Gemach um, das allerdings nicht glänzend genannt werden konnte, aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Küche und Werkstätte abstach.
Es war ein nicht sehr großes Gemach, das allem Anschein nach zum Wohn- und Schlafzimmer der Eheleute diente. Zwei Betten standen – Fuß- und Kopfende an der einen Wand, durch nichts als ein paar alte Decken von buntem Kattun verhüllt. An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen sogar zwei Blumentöpfe mit den ersten Kindern des Frühlings, Primeln und Hyacinthen, und an beiden Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke fehlte, waren ein paar schauerliche Oelgemälde angebracht, die jedenfalls »Herrn und Madame Heßberger« im Sonntagsstaat – vielleicht als junge Eheleute darstellen sollten. Waren sie indessen mit der Zeit so nachgedunkelt, oder verhüllte die jetzige Düsterheit des Gemachs ihre vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in diesem Augenblick ließ sich auf dem einen Bilde Nichts als die Contour eines Kopfes und ein riesiges Jabot erkennen, während auf dem anderen nur die weit ausflügelnde Haube der Frau und eine Hand sichtbar blieb, in der sie ein weißes Taschentuch emporhielt.
Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten in unkennbaren Formen.
Daß die Frau übrigens auf einen Besuch vorbereitet gewesen, wenn sie das überhaupt nicht jeden Abend war, zeigte in der That die ganze Vorrichtung des Tisches neben dem für die beiden Gäste zwei gepolsterte Stühle mit altmodischen hohen Lehnen standen und auf diese nöthigte auch die Frau Heßberger ihren Besuch und sagte freundlich:
»Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen mir gar Nichts vorher zu sagen, ich weiß schon ohnedies weshalb Sie hergekommen sind – bitte nehmen Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen ob ich Ihnen helfen kann.«
»Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will, Frau Heßberger?« frug Pauline, die in dem Augenblick doch etwas von ihrer vorherigen Ausgelassenheit verloren zu haben schien.
»Warum sollt ich nicht, Frau Hofräthin, warum sollt ich nicht und wie könnte ich mich unterfangen Zukünftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht das Vergangene und wirklich Geschehene wüßte –«