»Aber ich begreife nur nicht –«

»Lieber Gott« sagte des Schusters Frau, mit einem frommen Blick nach oben, »wir begreifen Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofräthin, und leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. – Wenn man aber ein Bischen tiefer sehen lernt, Frau Hofräthin, dann bekommt man eine andere Meinung von der Sache – Gottes Wege sind wunderbar.«

Es war ordentlich als ob das das Stichwort für ihren Gatten im Nebenzimmer gewesen wäre, denn in demselben Moment begann er mit seinem schauerlich näselnden Ton, das gewöhnliche Präservativmittel gegen den bösen Feind und dessen Einwirkungen, irgend ein endloses Lied aus dem Gesangbuch. Der würdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch etwas gestört; der Schuhmacher hatte nämlich noch keine Zeit bekommen, um seine Suppe zu essen, und daß er Beides mit einander zu verbinden suchte, that dem Einen Eintrag und ließ ihn das Andere nicht recht genießen – aber es mußte eben gehen.

Die Frau, ohne auf den plötzlichen Gesangsausbruch auch nur im Mindesten zu achten, holte indessen von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf dem einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit Schilfblüthen und ein paar grell bemalte Gypsfiguren standen, ein Spiel ziemlich oft gebrauchter Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschäftsmäßiger Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und dabei links und rechts auf die Lehnstühle wieß, um die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.

Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer der Kartenprophetin eine Menge wunderbarer und unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst in Verbindung standen – einen schwarzen Kater z. B. der schnurrend neben der Wahrsagerin saß und auf ihre Worte horchte – düstere Tapeten vielleicht und einen Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte Gipspapagei und Napoleon I., die auf dem Tisch unter dem Spiegel standen und sich – beide von einer Größe – einander starr ansahen, konnten doch wahrlich nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze Zimmer zeigte überhaupt Nichts, was nicht auch in der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu finden gewesen wäre – die Karten selber vielleicht ausgenommen.

Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau wurde aber bald ausschließlich auf die Karten gelenkt, denn die Frau Heßberger begann jetzt in feierlicher Weise sie zu mischen, und dazu tönte der, nur zeitweise von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters dazwischen – und wie laut die alte Schwarzwälder Uhr an der Wand da mit hinein tickte.

Endlich war das Spiel gehörig vorbereitet und die Frau sagte plötzlich, indem sie die Karten der rechts von ihr sitzenden Hofräthin zum Abheben hinlegte:

»Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine verehrte Frau Hofräthin, ob Sie etwas Gestohlenes wieder bekommen werden und – wo der Dieb zu suchen ist.«

»Das allerdings« lächelte die kleine Frau – »aber es wird doch wohl nöthig sein zu sagen was es ist.«

»Das sehen wir ja aus den bunten Blättern« erwiderte ruhig die Kartenschlägerin.