»Aber Pauline,« sagte die Frau erschreckt, »das ist nicht Recht. Das was ich Dir erzählte, war nur für Dich bestimmt.«
»Aber mein gutes Kind,« sagte die junge Frau »wenn ich nicht sehr irre, so hat gerade diese Phantasie auf Dein körperliches Befinden den größten und zwar nachtheiligsten Einfluß ausgeübt, und wie kann Dich ein Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die Ursache Deiner Krankheit erfährt.«
»Ich danke Ihnen, Frau Hofräthin, daß Sie mir da beistehen,« sagte der Doctor »und bitte Sie nun selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten. Außerdem wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan bin und schon als Freund des Hauses, als der ich mich doch betrachten darf, ersuche ich Sie dringend mir Alles mitzutheilen.«
Die Justizräthin sträubte sich noch ein wenig, aber es half ihr Nichts; der Doctor versicherte sie dabei, daß ihr eigener Mann ihm schon einen Theil vertraut habe, er wisse also doch einmal, um was es sich handele und solcher Art gedrängt, erzählte Auguste denn das zweite, räthselhafte Begegnen jener Erscheinung, ja verhehlte sogar nicht, daß sie von einer Wiederholung derselben das Schlimmste fürchte.
Der Doctor hatte ihr schweigend zugehört – draußen wurde wieder eine Thür geöffnet und sein scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal. Er wußte, der Justiz-Rath war mit dem Mann im grauen Rock eingetroffen. Der Abend brach dabei immer mehr herein und der Doctor bat, daß man die Lampe anzünden möge, da eben die Dämmerstunden die besten Hülfsgenossen solcher Phantasien seien. Pauline fügte jetzt auch noch die Geschichte der Kartenschlägerin hinzu, zu der der Doctor nur lächelnd den Kopf schüttelte; endlich aber sagte er:
»Also, Sie fürchten eine dritte Erscheinung, liebe Frau Justizräthin, weil Sie durch die zweite die Bestätigung der ersten erhalten haben?«
»Ja,« hauchte die Frau.
»Sie würden auch« – fuhr der Doktor fort, »wie Sie mir ja selber gestanden haben, ohne die zweite geneigt gewesen sein, die erste als eine bloße Phantasie, als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen, nicht wahr?«
»– Ja –« erwiderte die Frau wieder, doch etwas zögernd.
»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn ich nun hier mit meinem Zauberstab« und er hob seinen Stock, den er noch in der Hand hielt, »Ihnen selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen könnte, daß wir es mit nichts Anderem, als einem vollkommen compacten Wesen aus Fleisch und Blut zu thun haben, – würden Sie mir dann zugestehen, daß Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen im Allgemeinen, und hier auch im Besondern, nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der Phantasie?«