Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen dem Herrn und der Dame, auf welches der Fremde aber nicht zu achten schien, denn er nahm ein Eisenbahnbuch aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte, ohne jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, ebenfalls in englischer Sprache:
»Wer ist der Fremde?«
»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber wir brauchen uns seinetwegen nicht zu geniren; er versteht kein Englisch.«
»Aber er sieht englisch aus.«
»Bewahre,« lachte der Mann – »er hat auch nicht ein einziges englisches Stück Zeug an seinem Körper – die Reisetasche ist ebenfalls deutsch, gerade so wie sein Handbuch.«
»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«
»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft, denn der Herr hat ebenfalls ein Billet erster Classe und ist nur hier eingestiegen, weil er mich rauchen sah.«
»Dein fatales Rauchen.« – Die Unterhaltung stockte und der Herr mit der blauen Brille warf noch einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten hinüber, der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig mit seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte. Nur dann und wann hob er den Blick und schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus und streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den Fremden.
Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, sehr elegant, aber fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirklich vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich Aristokratisches – sie waren weiß und zart geformt und wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weißer Zähne. Sein Haar war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber von tiefer Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen ließen sich nicht erkennen, da sie von der blauen Brille bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur englisch zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer Mode gekleidet. Nur die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiseanzug den entschieden englischen Charakter, wie auch entschieden englische Züge. Ihren Begleiter würde man weit eher für einen Franzosen als für einen Sohn Albions gehalten haben.
Mehrere Stationen blieben die Drei allein in ihrem Coupé. Die Dame war müde geworden und hatte – soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte – ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch eine Anzahl Passagiere hinzu und zwei von diesen, ein Herr und eine Dame, stiegen in dies nämliche Coupé. Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn auch schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen Hobelspahnlocken, die ihr vorn fast bis zum Gürtel nieder hingen; der Herr mit einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, sehr mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde – lauter continentale Reiseerinnerungen, die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer derselben den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.