Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthöflich gegeneinander verneigten, so schienen die Damen dagegen schon beim ersten Blick die gemeinsame Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß die Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes Gespräch mit ihrer jungen Nachbarin begann, an dem sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr Gemahl oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.

Engländer auf dem Continent – wie könnte es ihnen auch an Stoff zur Unterhaltung fehlen – Vereinigt sie nicht ein gemeinsames Leid und Elend? Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern, Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten geprellt, und kann ein wirklicher Engländer ohne Lohnbedienten auf dem Continent durchkommen, denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er eine freie Zeit zubringen will? – Unter hunderten kaum einer.

Das Gespräch – sowie nur die ersten Fragen über woher und wohin erledigt waren, drehte sich auch nur um diesen Gegenstand, und der Herr mit dem breitkrämpigen Hut nahm bald lebhaften Theil daran.

Er kam mit seiner Frau natürlich von London, hatte vier Wochen zur Reise bestimmt, zwei davon schon nützlich verwandt, und schien fest entschlossen, auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich in jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über die Wirthe im Einzelnen und das Volk im Allgemeinen zu ärgern, und dann mit dem stolzen Bewußtsein nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur ein England in der Welt gäbe.

Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem Mann von Hannover, wo sie ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen Monat nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes Bad zu gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren Aufenthalt in dem rauhen Lande angegriffen sei, wieder herzustellen.

»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«

Sie wußten es noch nicht – der Herr mit dem breiträndrigen Hut schlug die »Stadt Hull« als ein sehr billiges, ihm besonders empfohlenes Gasthaus vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis von »board and lodging« akkordiren – er thäte das immer, wenn es auch ein wenig »schäbig« aussehe – den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das aber schuldig.

Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull zu übernachten und gemeinschaftlich zu essen – »es sei das billiger.« Morgen konnte man dann auch zusammen einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch die halbe Auslage – der morgende Tag würde überhaupt ein sehr angestrengter werden, denn es gab in Frankfurt – nach Murray – eine Unmasse von Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden mußten, wenn man nicht die Reise umsonst gemacht haben wollte.

Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht sehr an der Unterhaltung betheiligt. Er schien keine Freude daran zu finden. Auch die Aufforderung, gemeinsam in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er zweideutig, während die junge Dame augenblicklich bestimmt zusagte. Dann lehnte er sich in seine Ecke zurück und schlief – er verhielt sich wenigstens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er nur die Augen geschlossen hielt.

Es war indessen dunkel geworden – die übrigen Passagiere wurden ebenfalls müde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt abforderte.