Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich eingeschlafen zu sein. Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenster sah, auf die Schulter klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah sich wild und verstört um – er hatte jedenfalls geträumt, und suchte dann, als er begriff was man von ihm wolle, in der Westentasche nach seinem Billet.

Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der Fremde mit der Reisetasche, der jenem schräg gegenüber saß, stellte den Fuß darauf. Dann war wieder alles still; der mit der blauen Brille lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes Vis-à-vis nahm sein Taschentuch heraus, ließ es wie zufällig fallen und hob den Zettel damit auf – es war der Gepäckschein.

Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden Pfeifen – daß Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hörte – in den Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der kleinen Reisetasche war der erste, der aus dem Wagen sprang und zu dem Güterkarren eilte. Hatte er indessen unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es schien, wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorschein kam, und bis dahin war der rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei gekommen und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er indessen in allen Taschen nach seinem Schein und fluchte auf deutsch, englisch und französisch, daß ihm die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben ausliefern wollten.

Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und stand im Schatten eines Pfeilers – jedenfalls machte er da die Entdeckung, daß der Herr mit der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern auch französisch sprach, und sich in beiden Sprachen erbot, seine Koffer zu öffnen und dadurch zu beweisen, daß er der Eigentümer sei.

Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn sehr artig, nur so lange zu warten, bis das übrige Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann die passenden Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.

Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklärte mit dem nächsten Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber, daß er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht geben sollen – den Zug nach Mainz erreiche er indessen doch nicht mehr, da derselbe schon vor einer Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem gegebenen Rath zu folgen, und als seine Koffer wirklich zurückgeblieben, und er sich durch seine Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer legitimiren konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es – einen großen und einen kleineren Koffer – in die durch die Dame schon in Besitz genommene offene Droschke schaffen.

Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke ohne Gepäck; sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst die Omnibusse, schon die Bahn verlassen, und der Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden, nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »Hôtel Methlein

Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und hielt, als die erste in den Thorweg einfuhr. Ein Reisender mit einer kleinen Reisetasche in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.

Dort angekommen legte der Reisende nur eben in dem ihm bezeichneten Zimmer sein geringes Gepäck ab, bestellte sich unten im Speisesaal etwas zu essen und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach dem Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depesche auf:

Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover.