James Burton war überhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit entschieden und selbständig zu handeln; er verhielt sich am liebsten passiv.

In einer der ersten bürgerlichen Familien seines Vaterlandes erzogen, in den besten Schulen herangebildet, in der besten Gesellschaft aufgewachsen, war er von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur zu oft mit dem ersteren davon, und selber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen, gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzuläugnenden Thatsache zu thun, denn William Kornik, von seinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht, hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige Weise getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifel an seiner Unehrlichkeit nicht mehr stattfinden konnte. Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser Strenge vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag, gegen eine Frau einzuschreiten, deren Betheiligung an dem Raub allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs völlig erwiesen war. Und doch sah er auch recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte, die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens so lange fest und unter Aufsicht zu halten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne. Nur daß ihm dazu der Auftrag geworden, war ihm fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes gegeben, um sich davon loszukaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, daß die Dame sehr stolz und frech gegen ihn auftreten würde, und war fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Um den verbrecherischen Erwerb des Geldes mußte sie ja wissen, sie wäre sonst nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann auch noch herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede Rücksicht hörte von selbst auf.

Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen, die Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen, als sich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu lassen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, um nicht etwas Aehnliches auch von seiner Frau oder Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, sehr zum Erstaunen des Portiers, der gar nicht wußte, was er von dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er vielleicht Zahnschmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorsaal, theils auf der Treppe auf und ab – denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge – und horchte verschiedene Male oben an der Thür, um sich zu versichern, daß nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen sei.

Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das Stubenmädchen, dem er auf der Treppe begegnete, brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle Nahrung zu sich, und als es endlich auf sämmtlichen Frankfurter Uhren – was bekanntlich eine lange Zeit dauert – zwölf geschlagen hatte, faßte er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken und anfragen zu lassen, ob er das Vergnügen haben könne, ihr seine Aufwartung zu machen.

Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer criminellen Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und man hat dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch wohl Grobheit nennt.

Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die Dame sich glücklich schätzen würde, ihn zu begrüßen und nur noch um wenige Minuten bäte, um ihre Morgentoilette zu beenden.

Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht böse darüber, denn er bekam dadurch nur noch so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen Strenge zu behandeln. Was half es auch, Rücksicht auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar Theilnehmerin seiner Verbrechen zu werden. Dabei überlegte er sich auch, daß es weit besser sein würde, im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten, sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, was sie wußte. Volle Aufrichtigkeit konnte allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und durch ihr Geständniß bekamen sie außerdem gleich ein Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.

Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7 gestört, die den Kellner herbeirief. – Dieser erschien gleich darauf wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.

Also der Augenblick war gekommen, und mit festen Schritten stieg er die Treppe hinan. Wußte er doch auch schon vorher, wie er die Dame finden würde, die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer begangenen Schuld gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige plumpe List bei ihm nicht das Geringste helfen würde. Er ließ sich eben nicht verblüffen.