Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan und klopfte an – aber doch nicht zu laut. »Walk in,« hörte er von einer fast schüchternen Stimme rufen, und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste Wesen, das er in seinem ganzen Leben noch mit Augen geschaut.
Mitten in der Stube stand die junge Fremde – nicht etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand behangen, wie er eigentlich gehofft hatte sie zu finden, sondern in einem einfachen, schneeweißen Morgenanzug, der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer halbzerdrückten Thräne schien, streckte sie dem Eintretenden die Hand entgegen und sagte, mit vor Bewegung zitternder Stimme:
»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr – Ihr Name ist mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte sehe ich, daß Sie ein Landsmann sind, also ein Freund, der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.«
»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese keineswegs erwartete Anrede ganz außer Fassung gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich – ich begreife nicht recht – ich gestehe, daß ich – Sie entschuldigen vor allen Dingen meinen Besuch.«
»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die junge Frau herzlich, »wenn ich gewußt hätte, daß ein Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt; aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen ließ, zeigte keinen einzigen englischen Namen – doch ich darf nicht selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich rasch – »Sie sind da – ich sehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand rechnen kann, und nun erst vor allen Dingen, Ihre Angelegenheit. Lösen Sie mir das Räthsel, das Sie, einen vollkommen Fremden, gerade in dieser Stunde zu mir hergeführt – und bitte, nehmen Sie Platz – oh verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, daß ich Sie schon so lange hier im Zimmer habe stehen lassen.«
Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem kleinen mit rothem Plüsch überzogenen Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß es dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. Auch die Frage diente nicht dazu, ihm seine ruhige Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte er dem Wesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen, daß er hierher gekommen sei, um sie des Diebstahls zu bezüchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zusammenschnürte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des Anfangs zu finden.
Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei vollkommen Zeit sich zu fassen, und nur wie schüchtern blickte sie ihn mit ihren großen seelenvollen Augen an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine Lage gebracht, wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus zu sein.
Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger schweigen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, und begann, wenn auch anfangs noch mit leiser, unsicherer Stimme.
»Madam – Sie – Sie müssen mich wirklich entschuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer Frage belästige, die – die eigentlich Ihren – Ihren Herrn Gemahl betrifft – dem auch – dem auch vorzugsweise mein Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt haben, Sie zu stören. Aber – seine so plötzliche Abreise – und mitten in der Nacht hat einen Verdacht erweckt, der –«
»Einen Verdacht?«