»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich wieder beifiel, daß er ja vorher Alles hatte hören wollen, was die Dame ihm sagen würde, um danach sein eigenes Handeln zu regeln – »hängt alles vielleicht mit dem zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath verlangen, und wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten –«

»Aber einen Verdacht?« – sagte die junge Dame rasch und erschreckt, indem sie ihre zitternde Hand auf seinen Arm legte und in der gespanntesten Erwartung mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing. – »Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? – In welcher Verbindung können Sie mit ihm stehen? Oh, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter – machen Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin. Ach, ich hatte ja gehofft, daß Sie gerade mir Hülfe und Trost bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.«

Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, daß er schon gar keinen möglichen Ausweg mehr sah. Er war ja auch eigentlich verpflichtet zuerst zu sprechen. Er hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht sie mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter Gedanke einmal einen Moment erfaßte, sich aus der ganzen Geschichte durch irgend eine Ausrede hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. Es blieb ihm also nichts übrig, als der jungen Dame – natürlich so schonend wie das nur irgend geschehen konnte – die Wahrheit zu sagen, und dabei war er auch im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung auf sie machen würde – danach wollte er dann handeln.

»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen – »beruhigen Sie sich – es wird sich ja noch alles aufklären. – Ich selber – ich bin ja fest überzeugt, daß Sie der – unangenehmen Sache, um die es sich handelt, vollständig fern stehen. – Es ist auch noch nicht einmal ganz fest bestimmt, ob ihr Herr – Herr Gemahl auch wirklich jene Persönlichkeit ist, die wir suchen – die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen mich ausgesprochen hat, veranlaßt mich –«

»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge Dame, und sah dabei gar so lieb und doch so entsetzlich unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene Herz weh that.

»Ich muß deutlicher reden,« fuhr Mr. Burton fort, der sie nicht länger in dieser Aufregung lassen durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James Burton. Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma meines Vaters Burton & Burton in London. Seit sieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unserm Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich durch seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines Vaters Vertrauen einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren zu unserm Hauptcassirer machte. Mein Vater wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen nährte. Vor etwa acht Tagen verschwand dieser Mensch plötzlich aus London und zwar an einem Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden Vorsprung bekam, denn da nicht der geringste Verdacht auf ihm lastete, fiel auch sein Ausbleiben am Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater fürchtete, daß er könne unwohl geworden sein, schickte er in seine Wohnung hinüber, die sich unmittelbar neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen, daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag Abend nicht nach Hause gekommen sei.«

»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun?« unterbrach ihn die junge Dame, erstaunt mit dem Kopf schüttelnd.

»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geschehene wärmer werdend fort: »Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aber in unserem Haus mußte doch etwas bemerkt haben, was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend, keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß eine sehr bedeutende Summe fehlte, die, nach den über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.«

»Mein Vater wandte sich augenblicklich an die Polizei, und ein sehr gewandter Detective, der uns besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt wurde, gerieth noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur, die, wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers führen konnte. Derselbe war nämlich, wie der Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit einer jungen sehr – ge – sehr gewandten Dame bekannt geworden und als an dem nämlichen Tag eine andere Klage gegen diese einlief, daß sie in dem Haus einer Lady, wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden war, und seit dem nämlichen Abend fehlte, wie jener Kornik – so blieb zuletzt kein Zweifel, daß beide mitsammen geflohen sein mußten.«

»Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um der Verbrecher habhaft zu werden. Lady Clive – so hieß jene Dame – setzte selber eine namhafte Summe für den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die Dame noch unsern frühern Kassirer persönlich kannte, entschloß ich mich ihn zu begleiten, und wir begannen gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse Fahrt.«