»Und jetzt?« frug die Fremde, anscheinend in größter Spannung.
»Indessen,« fuhr Mr. Burton fort, »wurde kein mögliches Mittel versäumt um die beiden aufzufinden, falls sie sich noch in England aufhalten sollten. Zugleich telegraphirten wir an die nächsten Hafenplätze. Mein ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber schon auf eine Spur gekommen, die ihn nach Hamburg führte. Mit dem Hamburg Packet waren nämlich am Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute in dem Office des Dampfboots behauptete sogar, Kornik an jenem Abend mit einer Reisetasche an dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben. Wir folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in Hamburg wieder, und glaubten sie erst in Hannover – freilich, wie sich später erwies, irrthümlich – wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton zurück, während er selber, von einer Art polizeilichen Instinkts getrieben, nach Frankfurt vorauseilte und hierher zu – zufälliger Weise – mit Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coupé machte.«
Ein leises Zittern flog über den Körper der Frau, aber ihre Züge verriethen keine Spur von Ueberraschung, und nur mit mehr erstaunter als bewegter Stimme sagte sie:
»Und jetzt?« –
»Und jetzt,« fuhr Mr. Burton verlegen fort, »glaubte er, durch mehrere sonderbar zusammentreffende Umstände jenen aus London mit unserem Geld entflohenen Kornik in dem – Sie dürfen mir nicht zürnen, denn Sie haben die volle Wahrheit verlangt – in dem – Grafen Kornikoff wieder zu finden, da sich dieser heute Nacht so heimlich –«
»Heiliger Gott der Welt!« rief die junge Frau, entsetzt emporspringend: »reden Sie nicht aus. Darf ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher? Und dann ist, Ihrer Meinung nach – seine Begleiterin jene Diebin des Diamantenschmucks?«
»But Madam!« rief Mr. Burton, ebenfalls erschreckt von seinem Sitz aufspringend, »ich sage Ihnen ja« –
»O mein Vater im Himmel, selbst das noch,« rief aber das schöne Weib, die Arme wie flehend emporstreckend, »auch das noch – auch das noch in meinem Jammer und Elend. – Aber kommen Sie,« fuhr sie leidenschaftlich fort, indem Sie plötzlich wieder Mr. Burtons Arm ergriff und ihn fast mit Gewalt zu ihrem Koffer zog – »ich bin nur ein armes schwaches Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande – aber Sie haben vielleicht ein Recht, der Spur eines verübten Verbrechens nachzuforschen. Ich habe nichts als meinen ehrlichen Namen, aber den kann ich, Gott sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu rechtfertigen. Mir schwindelt der Kopf, wenn ich mir denke, daß Sie auch nur eine Stunde länger mich in einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.«
»But, my dear Madam,« rief Burton, jetzt vergebens bemüht, zu Worte zu kommen. Die Frau ließ ihn nicht.
»Nein, nein,« fuhr sie immer erregter fort und schloß mit vor Eifer zitternden Händen ihren Koffer auf, warf den Deckel zurück und riß die dort sorgfältig und glatt eingepackten Stücke wild und leidenschaftlich heraus. »Da – hier – hier ist alles was ich auf der Welt mein nenne – da meine Wäsche – da meine Kleider,« fuhr sie fort die genannten Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, über den Boden streuend, »hier mein Schmuck – eine dürftige Korallenkette mit einem goldenen Kreuzchen, das Erbtheil meiner seligen Mutter – und wie ich früher ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß sie diese Stunde nicht erlebte. – Hier meine –« sie konnte nicht weiter – ihr Gefühl überwältigte sie. Sie richtete sich auf und wollte zum nächsten Stuhl schwanken, aber sie vermochte es nicht und wäre zu Boden gesunken, wenn sie nicht James Burton in seinen Armen aufgefangen hätte.