Das war eine böse Situation für den jungen Mann – der warme Körper der jungen Frau ruhte an seinem Herzen, und vergebens suchte er sie durch tausend Trostesworte ins Leben zurückzurufen. – Und wie ihr Herz dabei schlug – er wußte sich keines Rathes, als sie aufs Sopha zu tragen – und als er sie in die Höhe hob, trafen seine Lippen unwillkührlich auf die ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich raffte er sich empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber er wagte es nicht – was mußten die Leute im Hotel davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch stand ein Glas Eau de Cologne – damit benetzte er ihr Taschentuch, hielt es ihr unter die Nase und rieb ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfen wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und legte es ihr um die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn Minuten, ehe er sie zum Bewußtsein zurückrief, und als sie endlich erwachte, befand sie sich in einem so furchtbar überreizten Zustande, daß sie den über ihr lehnenden Arm des jungen Mannes ergriff, ihre Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.
Mr. Burton that das unter solchen Umständen Zweckmäßigste – er ließ sie sich ausweinen und es gewährte ihm sogar einige Beruhigung, daß er sie dabei mit seinem linken Arm stützen und halten konnte. Aber diese Schwäche dauerte nicht lange. Die junge Frau zeigte eine ungemeine Willenskraft, dieses augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu bewältigen, und mit leiser Stimme sagte sie:
»Ich danke Ihnen – ich fühle mich stärker – es ist vorbei. Lassen sie mich jetzt Alles wissen – o verhehlen Sie mir nichts – ich muß es ja erfahren und dann habe auch ich Ihnen ein Geständniß abzulegen. – Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen. Zürnen sie mir nicht, meiner Heftigkeit wegen.«
»Oh, daß ich Ihnen beweisen könnte, wie innigen Antheil ich an Ihrem Schicksal nehme,« rief Mr. Burton bewegt aus.
»Und wo ist ihr Begleiter jetzt?« frug die junge Frau, die noch immer halb von seinem Arm gehalten wurde.
»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Burton mit einer gewissen Genugthuung, ihr darauf keine bestimmte Antwort geben zu können. »Er folgt jenem Grafen Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem mit dem vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber sagen sie auch mir, dear Madam – wie kommen Sie in die Gesellschaft jenes Mannes? – wie lernten Sie ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß er ein Betrüger sei?«
»Ich kann es mir jetzt noch nicht denken,« rief die Unglückliche – »es ist nicht möglich – er hätte ja, wenn es wahr wäre, ein tausendfaches Verbrechen an mir selber verübt. O lassen Sie mich noch an seine Unschuld glauben.«
»Wie gern wollte ich Sie in dieser Täuschung lassen,« sagte Mr. Burton, »aber ich muß gestehen, daß viele, viele Umstände dagegen sprechen.«
»Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschluß über das Vergehen,« rief da die Dame plötzlich, indem sie sich vom Sopha emporrichtete. »Er hat sein ganzes Gepäck zurückgelassen und nicht allein zu Ihrer, nein auch zu meiner Genugthuung muß ich jetzt darauf bestehen, daß Sie es auf das Genaueste untersuchen.«
Mr. Burton wollte sie davon zurückhalten, weil er nicht mit Unrecht fürchtete, daß sie sich dabei aufs neue zu sehr aufregen würde, aber sie bestand fest darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich ihrem Wunsche nach. Vergebens aber durchsuchten sie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen Koffer; es fand sich nichts, was irgend einen Aufschluß hätte geben können. Ganz unten aber in der Ecke lag ein zusammengedrücktes Papier – ein altes Couvert, in das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine Westenschnalle eingewickelt waren, und auf dem Couvert stand die Adresse: