W. Kornik Esqre
Care of Messrs. Burton & Burton – London.
Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und reichte es dann schweigend, aber mit einem beredten Blick der Dame. Diese aber hatte kaum das Auge darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme sagte:
»Vater im Himmel! also doch,« und ihr Antlitz in ihren Händen bergend, stand sie wohl eine Minute still und schweigend und wie ineinandergebrochen. Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem jungen Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend, sagte sie:
»Ich danke Ihnen, Mr. Burton – danke Ihnen recht von Herzen, daß Sie den Schleier gelüftet haben, der mich von einem Abgrund trennte. Wenn Sie aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufsetzen – wenn Sie mich für ewig verpflichten wollen, dann lassen Sie mich jetzt nur für eine kurze Stunde allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht danken – ich bin es nicht im Stande – meine Glieder versagen mir den Dienst. In einer Stunde kommen Sie wieder zu mir, dann sollen Sie alles erfahren, was mich betrifft, und wir können dann vielleicht gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen – wie mir zu helfen ist. Wollen Sie mir das versprechen?«
»Madam,« sagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl, und jetzt vollständig überzeugt, daß dies liebliche Wesen nie und nimmer eine Mitschuldige sein könne, – »Sie haben ganz über mich zu befehlen und was in meinen Kräften steht, mich Ihnen nützlich zu machen, soll gewiß geschehen. Fassen Sie Muth, und vor Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich hoffe, es soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein – in einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen – vielleicht ist auch bis dahin schon Nachricht über den Flüchtling eingetroffen. – Sorgen Sie nicht,« setzte er aber herzlich hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete, der auf ihm haftete. – »Sie haben einen Freund gefunden.« – Und die Hand, die er noch immer in der seinen hielt, an seine Lippen pressend, durchrieselte es ihn ordentlich wie mit süßen Schauern, als er einen leisen Druck derselben zu fühlen glaubte. Aber er ließ sie los, verbeugte sich vor der jungen Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch in sein Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde noch einmal an seiner Erinnerung vorüberziehen zu lassen.
V.
Die Verfolgung.
Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er sechs verschiedene telegraphische Depeschen aufgegeben, in einer ganz verzweifelten Stimmung in sein Coupé, denn von dem zurückgekehrten Postillon hatte er erfahren, daß dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen in Soden vor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt den Zug benutzen, um diesen Platz so rasch als möglich zu erreichen. Aber wieder und wieder machte er sich selber dabei die bittersten Vorwürfe, daß er die Flucht des schon ganz sicher geglaubten Verbrechers nur seinem eigenen Leichtsinn, seiner eigenen bodenlosen Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal Mr. Burton selber begegnet sei, mußte er wissen, daß er sich verrathen sah und deshalb keinen Augenblick versäumen dürfe, um sich der ihm drohenden Gefahr zu entziehen. Und das hatte er übersehen – er, der sich selber für so schlau und in seinem Fach geschickt gehalten – auf so plumpe Weise, nur durch die Geistesgegenwart des Diebes, der durch keine Bewegung verrathen, daß er seinen Verfolger erkannt habe, hatte er sich täuschen und überlisten lassen.
Und wie war es jetzt möglich, in diesem Gewühl von Fremden einen einzelnen Menschen wieder ausfindig zu machen, der weiter nichts zu thun brauchte, als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren, um aufs neue völlig unkenntlich zu sein; und daß er derartige Vorsicht nicht versäumen würde, darüber durfte er kaum in Zweifel sein.
Das Einzige, was ihn noch einigermaßen beruhigte, war, daß sie wenigstens die Dame unter sicherer Aufsicht hatten; denn es schien nicht wahrscheinlich, daß sich der Flüchtling so leicht und für immer von dem schönen, verführerischen Wesen getrennt haben sollte, nur um sich selber in Sicherheit zu bringen. In irgend einer Verbindung mit ihr blieb er gewiß, oder suchte eine solche auf eine oder die andere Art wieder anzuknüpfen, und wenn dann Mr. Burton nur einigermaßen seine Schuldigkeit that, so lief er ihnen schon dadurch wieder ins Netz.
Allerdings hätte Kornik die Dame schon recht gut in dieser Nacht entführen können – es wäre das eben so leicht gewesen als allein zu entfliehen, aber er mußte auch wissen, daß er den Verfolger dann dicht auf den Hacken gehabt hätte und so leicht er jetzt hoffen konnte, ihn über die Richtung zu täuschen, die er genommen, so ganz unmöglich wäre das in der Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung nicht allein hemmte, sondern auch eine viel breitere und leichter erkennbare Spur hinterließ. Schon mit all dem Gepäck wäre er nicht von der Stelle gekommen.