Hamilton hörte nichts weiter und saß, kaum eine Viertelstunde später wieder in seiner Extrapost. Jetzt zweifelte er auch keinen Augenblick mehr, daß er auf der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon ein tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren würde.

Auf der nächsten Station fand er aber seine Nachtfahrt schon unterbrochen. Die Wege kreuzten sich hier, und er durfte nicht weiter fahren, aus Furcht, die falsche Straße einzuschlagen. Er mußte dort übernachten, aber schon vor Tag war er wieder auf, und wie er nun die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige die Straße nach Norden eingeschlagen, folgte er derselben mit Extrapost und versprach dem Postillon ein fürstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte, ehe er die Eisenbahn erreichte.

Das wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn Kornik sich verfolgt gewußt und dann keine Zeit versäumt hätte. Er schien sich aber vollkommen sicher zu fühlen, denn als sie nach Camburg kamen, hörten sie daß er dort geschlafen hätte und ziemlich spät Morgens wieder aufgebrochen sei.

Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen und näher und näher rückten sie auch hinan, bis sie dicht vor Limburg einem rückreitenden Postillon begegneten, der ihnen sagte, daß sie die Extrapost voraus vielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn sie die Pferde nicht schonten.

Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was sie laufen konnten, liefen sie. Aber nach der Bahn zu führte der Weg steil thalab, der unglückselige Wagen hatte keinen Hemmschuh und mußte mit der Kette eingelegt werden; zu rasch durfte er da nicht fahren, wenn er nicht riskiren wollte ein Rad zu brechen. Als sie endlich Limburg dicht vor sich sahen, war die verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den Bahnhof ein, und hielt dort gerade lang genug, daß ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich mit Schaum bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen sehen. – Er war zu spät gekommen.

VI.
Im Kursaal.

Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton nicht der Mann, sich dadurch beirren zu lassen. Daß Kornik diesen Zug benutzt hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick, sowie er nur auf dem Bahnhof anfuhr und ihn nicht traf. Zum Ueberfluß fanden sie aber auch noch die Extrapost, die ihn hierher gebracht, und der Postillon derselben bestätigte, daß der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zug »nach dem Rhein« abgegangen sei.

Es war 5 Uhr 55 – der nächste Zug ging 6 Uhr 30 – also noch eine halbe Stunde Zeit. Hamilton fuhr mit seinem Wagen gleich vor dem Polizeigebäude vor, die Herrn hatten es sich aber schon bequem gemacht, und er fand nur noch einen Aktuar, der Schriftstücke in einer Privatsache durchsah.

Glücklicherweise schien dies ein ziemlich intelligenter Mann, der seinen Bericht aufmerksam anhörte. Als er ihn beendigt hatte, sagte er:

»Mein lieber Herr – dieser Zug, der eben Limburg verlassen hat, geht allerdings heute Abend noch nach Coblenz, aber ich weiß nicht, ob der Herr, dem Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben kann, Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann natürlich nicht ahnen, daß Sie ihm so dicht auf den Fersen sitzen – vorausgesetzt nämlich, daß es wirklich der Richtige ist, und wenn Sie meinem Rath folgen wollen, so thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage. Fahren Sie mit dem nächsten Zug nach Ems – nicht weiter – besuchen Sie dort heute Abend – mit jeder nöthigen Vorsicht natürlich, den Spielsaal, und finden Sie dann – was ich aber bezweifele – Ihren Mann nicht, dann nehmen Sie heute Abend noch in Ems einen Wagen, den Sie für Geld überall bekommen können, fahren direkt nach Coblenz, und passen morgen früh an den Bahnzügen auf. Ich wenigstens, wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu verfolgen hätte, würde genau so handeln, und wenn ich nicht sehr irre, gut dabei fahren.«