»Ems ist nassauisch, nicht wahr?« frug Hamilton.

»Allerdings,« sagte der Aktuar.

»Könnten Sie dann,« fuhr Hamilton fort, indem er seine Legitimationspapiere aus der Tasche holte, »mir auf Grundlage dieser Schriftstücke einen Verhaftsbefehl für das betreffende Individuum ausstellen?«

Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine in Hamburg beglaubigte Uebersetzung befand, aufmerksam durch und sagte dann lächelnd:

»Eigentlich, und nach unserem gewöhnlichen Gerichtsverfahren würde die Sache mehr Umstände machen, und nicht so rasch beseitigt werden können, unter den obwaltenden Verhältnissen aber denke ich, daß ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann. Sie müssen mit dem nächsten Zug fort, wenn Sie den Gesuchten nicht versäumen wollen. Setzen Sie sich einen Augenblick; ich denke, wir können das alles noch in Ordnung bringen.«

Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton hätte sich an keinen besseren Menschen wenden können. In kaum zehn Minuten hatte er einen Verhaftsbefehl für die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik ausgestellt. Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die üblichen und nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er dafür nehmen, und wie gern hätte ihm der junge Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!

Jetzt war alles in Ordnung – Hamilton beschloß, den ihm gegebenen Rath gewissenhaft zu befolgen, und dem alten Herrn auf das herzlichste dankend, eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurück.

Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug zugemessen; kaum hatte er dort sein Billet gelöst, so wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten später braußte er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere auf und keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche Lahnthal hinab.

Aber Hamilton hatte kein Auge für die liebliche Scenerie, die ihn umgab – so war er in seine eigenen Gedanken vertieft, daß er ordentlich emporschrak als sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild des Flüchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst daß er Schlaf und Ruhe entbehrt hatte, um diesen zu erreichen und einzuholen, fühlte er nicht. Der Zug flog mit reißender Schnelle dahin, aber ihm kam es noch immer vor, als ob er in seinem Leben nicht so langsam gefahren wäre. Jetzt glitten sie an den grünen Hängen des freundlichen Thales dahin – jetzt wieder öffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine düstere Tiefe aufzunehmen, und aufs neue schossen sie hinaus in den dämmernden Abend. Aber Hamiltons Augen schienen für das alles keine Sehkraft zu haben, so theilnahmlos, so unbewußt selbst streifte sein Blick darüber hin, bis endlich der schrille Pfiff der Locomotive die Nähe der Station Ems anzeigte und eine Masse Spaziergänger, Herren zu Fuß und Damen und Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nähe der Bahn sichtbar wurden. Es war spät geworden und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so heiß die Tage auch sein mochten, die Nächte blieben kühl und frisch genug.

Aber diese kümmerten den Polizeimann nicht, der recht gut wußte, daß der, den er suchte, sich nicht unter ihnen befand, selbst wenn es noch hell genug gewesen wäre, einzelne Physiognomien der da draußen Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die lichten Kleider unterscheiden ließen.