»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche – »was weiß ein armes unerfahrenes Mädchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das ihn zuerst mein Bruder eingeführt – es mögen jetzt zwei Monate sein – und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz – sein angemaßter Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei von seinen Gütern in Polen, und wie glücklich – wie selig ihn mein Besitz machen würde, und ich – war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als seine thörichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines hinreichenden Vermögens sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen Eltern zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und stürmisch, drang in mich, mit ihm zu fliehen.«
Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen und James Burton hörte der Erzählung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das liebliche Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür ein und es entstand dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber jetzt tief erröthend, fort:
»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter meines Bräutigams zu zweifeln. Wir entkamen glücklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg bestimmt war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug in Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen lassen könnten – aber es legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurück, versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, daß wir hier in Frankfurt – einer freien deutschen Stadt – unser Ziel leicht erreichen könnten. Ich folgte ihm auch hierher – immer noch als Braut – nicht als Gattin« – setzte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu – »und ich danke jetzt Gott, daß ich standhaft blieb und meinem guten Engel mehr folgte als jenem Teufel.«
Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die James Burtons Seele bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzählung bestürmten; sein Herz schlug hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt, ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm willenlos überließ.
»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter Stimme – »so brauche ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier war ja dann nur zu Ihrem Heil.«
»Ihnen verdanke ich meine Rettung,« sagte da Jenny herzlich, und wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit seinem Arm die bebende Gestalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:
»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein – die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich – übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung an das Vergangene soll eine fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«
»Und auch Sie wollen nach England zurück?« frug rasch die junge Fremde.
»Gewiß,« rief Burton – »sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe. Aber noch heute schreibe ich nach Haus – wie heißen Ihre Eltern, mein bestes Fräulein – was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht für bloße Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Interesse an Ihnen nähme, als ich selber.«
»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, der Reverend Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geschrieben.«