»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn weniger mit einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht gesollt – aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire – und jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, »verlasse ich Sie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden geben – schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermädchen für Sie engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge Mädchen, der englischen Sprache mächtig, sind gewiß genug in Frankfurt aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine Widerrede, Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich – wie es schien mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte – »Sie stehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, unter meinem Schutz, und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen lassen.«

»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben wieder danken,« sagte das junge Mädchen gerührt – »womit habe ich das alles verdient?«

»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an seine Lippen hob, und wenige Minuten später fand er sich schon unten mit dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende und anständige Person herbeizuschaffen.

Das ging auch in der That weit rascher, als er selber vermuthet hatte. Ganz unmittelbar in der Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die schon einige Jahre in England zugebracht und – wenn sie sich auch nicht auf längere Zeit binden konnte, doch gern erbötig war, die Stelle einer Gesellschafterin für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich als ein so liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein Zurückweisen derselben zur Unmöglichkeit wurde.

VIII.
Hamiltons Rückkehr.

Den übrigen Theil des Tages verbrachte James Burton in einer unbeschreiblichen Unruhe, denn immer und immer war es ihm, als wenn er bei seiner jungen Schutzbefohlenen nachfragen müsse, ob ihr nichts fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den er ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewalt mußte er sich davon zurückhalten, sie nicht weiter zu belästigen.

Am allerliebsten hätte er auch in der Stadt eine Unmasse von Sachen für sie eingekauft, um sie zu zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen. Aber das ging doch unmöglich an, denn das hätte jedenfalls ihr Zartgefühl verletzt – er durfte es nicht wagen. Eine ordentliche Beruhigung gewährte es ihm aber, zu wissen, daß das arme verlassene Wesen jetzt jemand habe, gegen den es sich aussprechen konnte, und er begnügte sich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der Zeit vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen, denn es ließ sich dort niemand blicken, und die andere Hälfte unten im Haus und auf der Treppe auf und ab zu laufen, um wenigstens ihre Thür anzusehen.

Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte, so war er doch bis über die Ohren in seine reizende Landsmännin verliebt.

Am nächsten Morgen war er allerdings zu früher Stunde wieder auf, aber erst um zwölf Uhr wagte er es, sich zu erkundigen, wie Miß Benthouse geschlafen hätte.

Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, aber – sie sah nicht so wohl aus wie gestern. Ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten, wenn auch nur leicht schattirte Ringe – sie schien auch zerstreut und unruhig und Burton, voller Zartgefühl, glaubte darin nur eine Andeutung zu finden, daß sie allein zu sein wünsche und empfahl sich bald wieder. Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht von Mr. Hamilton erhalten habe, was er verneinen mußte.